Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Viel Technikglauben und nur wenig Gesellschaftskritik

Drei Bücher zur Zukunft der Energiepolitik: ein sehr faktenreiches, ein altbackenes und eines, das das Business mit den Alternativenergien nicht nur hochlobt.

Von Susan Boos

Es ist ein Buch für alle, die schnell viele gute Fakten zur Energiepolitik brauchen: «100 Prozent erneuerbar» vom ehemaligen Basler SP-Nationalrat und Ökonomen Rudolf Rechsteiner ist ein fachkundiges Werk, das mit vielen Grafiken darlegt, wie der Umstieg auf saubere, erschwingliche Energien vonstatten gehen könnte. Rechsteiner erklärt die Energiemärkte, geht auf die Atomkatastrophe in Fukushima ein, widmet sich den Potenzialen der erneuerbaren Energien und legt dar, was seiner Meinung nach getan werden müsste, um den Umstieg konkret zu schaffen. «100 Prozent erneuerbar» ist die Fortsetzung seines Buchs «Grün gewinnt», das vor bald zehn Jahren erschienen ist, und enthält einige bemerkenswerte Geschichten, die illustrieren, wie sehr sich die Welt gewandelt hat.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte vom 16. Juli 2011: An diesem Samstagnachmittag zwischen 14 und 15 Uhr sank der Strompreis am Spotmarkt der deutschen Strombörse auf das niedrige Preisniveau von Nachtstrom. Das ist ungewöhnlich, weil nachts der Strom billiger ist, da ihn niemand braucht. Dass man nun an einem Samstagnachmittag nur 2,5 Cent für eine Kilowattstunde bezahlen musste, ist bemerkenswert, weil der Strompreis zu dieser Zeit für gewöhnlich doppelt so hoch ist. Dass der Preis an jenem Samstag so tief war, hatte man dem Solarboom in Deutschland zu verdanken: An schönen Tagen steht zeitweilig bereits so viel Strom zur Verfügung, dass der Preis einbricht. Das hätte man noch vor zehn Jahren kaum zu träumen gewagt.

Die erneuerbaren Energien krempeln die gesamte Stromwirtschaft um und zwingen die Energieversorger, sich neu auszurichten. Rechsteiner ist überzeugt, dass man mit technischen Lösungen die Schwankungen der erneuerbaren Energien in den Griff bekommen kann. Da hat er sicher recht, aber manchmal irritiert sein Glaube an technische Lösungen. Er ist zum Beispiel überzeugt, die individuelle Mobilität wäre nachhaltig möglich, wenn nur die richtigen Motoren zum Einsatz kämen. Er propagiert Limousinen mit Tesla-Motoren, die auf hundert Kilometer 16,1 Kilowattstunden brauchen – was umgerechnet 1,6 Liter Benzin entspricht. Am Ende verbraucht aber auch ein Tesla-Auto nicht nur Kilowattstunden, sondern auch Raum.

Harmloser Sparappell

Der Waadtländer SP-Nationalrat Roger Nordmann hat vergangenes Jahr im selben Verlag wie Rechsteiner ein sehr ähnliches Buch herausgegeben: In «Atom- und erdölfrei in die Zukunft. Konkrete Projekte für die energiepolitische Wende» steht über weite Teile in etwa das Gleiche wie bei Rechsteiner. Kann sein, dass die Debatte in der französischen Schweiz anders verläuft als in der deutschsprachigen, aber Nordmanns Buch wirkt altbacken.

An einigen Stellen ist er auch erstaunlich unreflektiert. So schreibt er etwa begeistert vom Super-Grid, vom Superstromnetz, das die EU plant. Und dann bringt er die farbigen Grafiken von Desertec, einem Projekt im Maghreb, wo Konzerne gigantische Solaranlagen installieren wollen, um Europa zu versorgen. Super-Grid wie Desertec sind höchst umstritten, weil eine sinnvolle Energieversorgung nicht auf weit entfernten Megaanlagen basieren sollte.

Nordmann präsentiert auch eine Grafik zum «Energieverbrauch der Schweiz», die nur den direkten Verbrauch berücksichtigt – also Strom und fossile Energien wie Heizöl, Benzin et cetera und die daraus resultierenden Treibhausgasemissionen. Die Grafik ist irreführend und beschönigend. Wenn schon, müsste die gesamte CO2- beziehungsweise Umweltbelastung dargestellt werden, die wir mit unserem Lebensstil verursachen, was aber tunlichst ausgeblendet wird: In jedem importierten Kleidungsstück, in jeder importierten Erdbeere, in jedem importierten Computer stecken viel Energie, viel Rohstoff und viel CO2, doch fällt das im Ausland an und verschwindet deshalb aus der Statistik. Dabei hat das Bundesamt für Umwelt nachgewiesen, dass sechzig Prozent der Umweltbelastung, die wir mit unserem Konsum verursachen, im Ausland anfallen.

Doch darüber schweigt sich Roger Nordmann aus. PolitikerInnen tun sich mit dieser Tatsache immer schwer, weil man sonst unangenehme Fragen angehen müsste. Nordmann weiss das, geht aber elegant darüber hinweg: «Manche Beobachter verlangen eine freiwillige, kontrollierte und starke Reduktion des Lebensstandards (Doktrin der Wachstumsrücknahme). Eine solche Forderung steht den menschlichen Wünschen derart konträr entgegen, dass sie ebenfalls nicht realistisch ist.» Und dann fügt er lapidar an: «Der Wandel hin zu einer nachhaltigen Energieversorgung würde bereits sehr erleichtert, wenn wir uns etwas weniger Überfluss gönnen würden.» Ein netter, harm- und nutzloser Appell.

Der Oekom-Verlag hat ebenfalls ein Buch zur «Zukunft der Energieversorgung» herausgegeben, das sich wesentlich interessanter liest, da man in Deutschland in der Debatte schon an einem ganz andern Ort steht. In «Spannungsgeladen» äussern sich diverse Fachleute und setzen sich zum Teil kritisch mit dem Boom der erneuerbaren Energien auseinander.

Erneuerbar für Männer

Sehr lesenswert ist zum Beispiel der Beitrag der Physikerin Goteline Alber – sie schreibt: «Vor dreissig Jahren träumte die Avantgarde der ‹Alternativenergie› nicht nur davon, Kernkraft und Kohle durch Sonne und Wind zu ersetzen, sondern auch von einem anderen Gesellschaftsmodell. Heute jedoch gehorchen die meisten Erneuerbaren-Unternehmen den Börsenzwängen, und durch ihr rasantes Wachstum droht die Branche ihre Akzeptanz zu verspielen.»

Alber zeigt nicht nur auf, wie die grossen Energiekonzerne sich langsam die Branche der Erneuerbaren aneignen, sondern gleichzeitig auch dieselben alten Strukturen replizieren: Strukturen, in denen vor allem Männer beschäftigt sind und in denen vor allem Männer Geld verdienen. Oder wie sie es trocken auf den Punkt bringt: «So hilfreich es für den Ausbau der Regenerativen ist, wirkt das Erneuerbare-Energien-Gesetz als Umverteilungsprogramm zugunsten von Männern.»

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