Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

«Tyrannosaur»

Von Silvia Süess

Nein, nett ist er nicht.

Am Anfang und am Ende des Films steht die Tötung eines Hundes. Dazwischen liegen neunzig grossartige Minuten voller Einsamkeit, Verlassenheit und Wut.

Joseph (Peter Mullan) ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennt: Dickbäuchig schlurft er in Trainerhosen durch den Tag, trinkt zu viel, führt Selbstgespräche und wird auch mal gewalttätig. Aus Wut über eine verlorene Wette tritt er seinen Hund so stark in die Rippen, dass dieser stirbt.

Eines Tages landet Joseph im Secondhandshop von Hannah (Olivia Colman). Und diese erste Begegnung der beiden verlorenen Seelen ist eine der schönsten Szenen im Film: Joseph springt in Hannahs Laden und setzt sich hinter einen mit Kleidern gefüllten Kleiderständer. Hannah versucht vergeblich, mit dem seltsamen Gast ein Gespräch zu führen. So kniet sie sich neben den Kleiderständer und betet für ihn – er drückt auf der anderen Seite des Ständers sein weinendes Gesicht in die Kleider.

Diese Begegnung ist der Beginn einer Bekanntschaft zweier Menschen, die auf den ersten Blick aus völlig unterschiedlichen Welten kommen: er aus der englischen Unterschicht, sie aus gutem Hause. Doch die Einsamkeit und ihr von Gewalt dominierter Alltag verbindet die beiden. Denn Hannah kommt zwar aus einem Haus, dessen Fassade glänzt, doch dahinter ist die Hölle los.

«Tyrannosaur», der erste Langspielfilm, bei dem der Schauspieler Paddy Considine Regie führte, ist eine unprätentiöse Sozialstudie ohne jeden Sozialkitsch. Grossartig ist Mullan in seiner Rolle als Joseph. Die Begegnung mit Hannah macht ihn nicht zum netten Menschen, er bleibt ein gealterter, unberechenbarer Choleriker. Er habe seine verstorbene Frau «Tyrannosaur» genannt, erzählt er eines Tages Hannah, da diese so dick war, dass sein Teeglas vibrierte, wenn sie die Treppe heraufkam. Nein, nett ist er wirklich nicht, dieser Joseph – doch Peter Mullan verleiht ihm Menschlichkeit, sodass man ihn trotz allem mag.

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