Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Glück ist mehr als Reichtum

Von Markus Spörndli

Bhutan hat das Bruttonationaleinkommen als Wohlstandsindikator schon vor vierzig Jahren abgeschafft. Das kleine Himalaja-Land versucht stattdessen, ganz offiziell sein «Bruttonationalglück» zu steigern. Dabei tritt die Wirtschaftsleistung in den Hintergrund – wichtiger sind Gerechtigkeit, Umweltschutz, Bildung und die gute Regierungsführung.

Lange wurde das ganzheitliche, auf buddhistischer Philosophie beruhende Konzept im internationalen Kontext kaum beachtet. Das dürfte sich diese Woche geändert haben: Bhutan hat bei der Uno in New York zu einem Spitzentreffen zum Thema «Wohlergehen und Glück: Definition eines neuen ökonomischen Paradigmas» eingeladen. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hielt die Eröffnungsrede, wirtschaftswissenschaftliche Schwergewichte wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und der Entwicklungsökonom Jeffrey Sachs führten die Diskussionen.

Rechtzeitig zum Spitzentreffen hat die Uno den ersten «World Happiness Report» veröffentlicht, der von Sachs’ Earth Institute erstellt wurde. Demnach befinden sich die glücklichsten Länder im nördlichen Europa (Dänemark, Norwegen, Finnland und die Niederlande). Die Schweiz folgt auf dem sechsten, die USA auf dem elften Rang. Weniger Glück herrscht erwartungsgemäss in den wirtschaftlich ärmsten Ländern vor (in Togo, Benin, der Zentralafrikanischen Republik und Sierra Leone).

Die Resultate zeigen: Wirtschaftswachstum ist zwar mitentscheidend für das Wohlergehen in armen Entwicklungsländern. Aber nicht so bei den reichen Nationen. Spitzenreiter auf dem Glücksindex sind nicht die allerreichsten Länder, sondern jene mit grosser sozialer Gleichheit, weitreichenden politischen Freiheiten und starken sozialen Netzen.

Dass die Diskussion um Wohlstandsindikatoren über rein akademische Ergüsse hinausgeht, begründete Stiglitz schon vor zwei Jahren: «Was wir messen, beeinflusst, was wir tun.» Solange nur das Bruttonationaleinkommen zählt, kurbelt die Politik weiterhin blind das Wachstum an. «Bessere Messmethoden führen zu besseren Entscheidungen», sagte Stiglitz. Ban Ki Moon lobte am Montag in seiner Eröffnungsrede die Bemühungen mehrerer Länder, insbesondere Costa Ricas, die mit ganzheitlichen Wohlstandsmessungen experimentieren. «Soziales, wirtschaftliches und ökologisches Wohlergehen sind untrennbar», sagte der Uno-Generalsekretär. Am Ende der Uno-Nachhaltigkeitskonferenz (Rio+20) vom Juni möchte er auch schon entsprechende ganzheitliche Entscheidungen sehen.

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