Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

«’s isch jo immer eso gsi»

Der Wirtschaftshistoriker Wolfgang Hafner hat mit einer Fülle von Interviews nach den Gründen für den industriellen Niedergang des Kantons Solothurn gesucht.

Von Daniel Stern

Wäre das tatsächlich möglich gewesen? Hätte aus der relativ kleinen Solothurner Autophon AG, die Telefone, Funk- und Lawinensuchgeräte produzierte, ein globaler Handykonzern werden können – so wie die finnische Nokia? Das zumindest behaupten die zwei früheren ranghohen Autophon-Manager Walter Aebi und Johannes Zaugg im Buch «Die Krise und ihre Bewältigung» von Wolfgang Hafner. Der Autor zeichnet darin den Niedergang des industriellen Solothurns nach, der sich ab den siebziger Jahren vollzog, und fragt in fünfzehn Interviews bei damaligen Akteuren nach den Gründen.

Das Schicksal der Autophon ist typisch, so eine Hauptaussage Hafners. Der Konzern war stark von staatlichen Aufträgen abhängig und wenig daran interessiert, neue Märkte zu erschliessen und sich strategisch zu fokussieren. Im Verwaltungsrat fehlte die Weitsicht, mit technischen Neuerungen oder Marketing setzte man sich viel zu wenig auseinander. Es herrschte ein Denken vor, dass alles so weiterlaufen würde wie bisher – «’s isch jo immer eso gsi», wie es im «Solothurner Lied» heisst.

Ähnliches fördert Hafner auch im Interview mit Frédéric Flückiger und Hansruedi Jaggi zutage. Beide waren Manager in der Hydraulikabteilung der Firma Von Roll. Beide beklagen, dass die Konzernleitung die zukunftsträchtige Hydrauliktechnik vernachlässigte und stattdessen vor allem ins althergebrachte Kerngeschäft, das Stahlwerk und die Giessereien, investierte. Ein Unterfangen, das sich nie auszahlen sollte. Die Hydrauliktechnik dagegen verkaufte Von Roll an den Mannesmann-Konzern, der die Abteilung in den neunziger Jahren schliessen liess.

Entwicklung verschlafen

Für Hafner haben es viele Industriebetriebe im Kanton Solothurn zu wenig verstanden, von der «korporatistischen Wirtschaftsform» der Nachkriegszeit in eine offene Marktwirtschaft zu wechseln. Solothurner Wirtschaftsbetriebe lebten von gegenseitigen Preisabsprachen in Kartellen und von einer Kultur der «Mässigung» auch aufseiten der Belegschaft. Ausserdem profitierten sie vom Staat, der mit seinen Aufträgen ohne vorheriges Submissionsverfahren quasi Wirtschaftsförderung betrieb. Dementsprechend war es wichtiger, Leute mit guten Beziehungen zur Politik im Verwaltungsrat zu haben als solche mit guten Kenntnissen der Branche.

Dieses Modell brach in den siebziger Jahren zusammen. Eine grosse Wirtschaftskrise setzte vielen Betrieben zu. Dazu kam das Ende des internationalen Systems der stabilen Wechselkurse, was Schweizer Produkte auf dem Weltmarkt stark verteuerte. Ausserdem verzichtete der Schweizer Staat zunehmend auf Schutzzölle und die Vorzugsbehandlung der einheimischen Industrie.

Und dann waren da eben technische Neuerungen, die die Solothurner Industrie (aber längst nicht nur diese) verschlafen hat: So produzierte die lokale Uhrenindustrie bis in die siebziger Jahre unbeirrt Billiguhren, sogenannte Rosskopf-Uhren, während japanische Firmen den Weltmarkt mit noch viel billigeren und präziseren Quarzuhren überschwemmten. Die gegenseitigen Verflechtungen und Abhängigkeiten in der Uhrenindustrie verhinderten ein schnelles Reagieren, Tausende verloren ihre Arbeitsplätze.

Wolfgang Hafners Buch ist ein wichtiges Puzzlestück, um die Umwälzungen der Schweizer Wirtschaft in den siebziger Jahren aufzuarbeiten. Der Fokus auf Solothurn zeigt zudem, wie sehr sich lokale Eigenheiten und Verhaltensmuster auf Unternehmensentscheide auswirken.

Das Schweigen der Gewerkschaften

Hafner hat für sein Buch vor allem ehemalige technische Leiter und Direktoren interviewt. Sie stehen für eine spezifische Schicht von Managern, die sich oft gegen patriarchale Fabrikbesitzer oder arrogante Verwaltungsräte durchzusetzen hatten. Gelegentlich wünscht man sich beim Lesen der Interviews etwas kritischere Fragen. Dass Hafner die Sicht der einfachen Beschäftigten gänzlich ausblendet, ist schade. Es habe sich «kein Vertreter der Gewerkschaften für ein Interview finden lassen», schreibt er zur Begründung.

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