Nr. 14/2012 vom 05.04.2012

Eine revolutionäre Schnapsidee

Von Etrit Hasler

Letzten September endeten in der Zürcher Innenstadt zwei illegale Partys auf öffentlichem Grund in Strassenschlachten zwischen der Polizei und den Feiernden. Sechs Monate später präsentiert die Stadt vor diesem Hintergrund eine neue Massnahme: Die «Jugendbewilligung». Diese neue niederschwellige Möglichkeit für junge Menschen, eine Bewilligung für Veranstaltungen im öffentlichen Raum einzuholen, klingt nicht nur sympathisch, sie ist hierzulande schon fast revolutionär. So wird die Bewilligung in amtsunüblicher Höchstgeschwindigkeit ausgestellt (acht Tage reichen aus), und vor allem wird sie gratis erteilt – das ist wohl der einzige Verwaltungsakt schweizweit, der nichts kostet.

Vor so viel Mut wurde beim Planen wohl sogar der Stadt Zürich etwas bang – nur so ist es zu erklären, dass derart bewilligte Veranstaltungen nicht über öffentlich einsehbare Facebook-Gruppen oder Twitter beworben werden dürfen. Wer solches vorschreibt, kennt entweder das Medium Facebook nicht und/oder hat von den Lebenswelten der Jugendlichen von heute keine Ahnung. Und ein bisschen ironisch ist es ja schon, dass die Idee zur Jugendbewilligung ausgerechnet aus einer städtischen Diskussionsplattform mit dem moralisierenden Namen «Fertig Puff» entstand – notabene auf Facebook. Ob die VeranstalterInnen bisher illegaler Partys tatsächlich ein Interesse haben, sich formalen Zwängen zu unterwerfen, ist nicht absehbar.

Doch ob es nun eine Schnapsidee ist wie die letzten Pseudomassnahmen gegen Gewalt im Letzigrund oder nicht: Junge Menschen haben in Zürich, in der Stadt mit den wohl höchsten Getränkepreisen Europas, zu wenig Orte, wo sie ohne Konsumzwang sein können. Also strömen sie zunehmend in den öffentlichen Raum, den sie zu Recht für sich beanspruchen. Dass die Stadt Zürich als eine der wenigen Städte nicht einfach mit polizeilicher Repression – oder noch schlimmer: Abdelegierung an private Sicherheitsdienste – für «fertig Puff» im öffentlichen Raum sorgen will, ist lobenswert. Schnapsidee hin oder her.

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