Nr. 15/2012 vom 12.04.2012

Die dunklen Seiten der Sexualität

Von Margrit Klingler-Clavijo

Haitianische Schriftstellerinnen wie Edwidge Danticat, Evelyne Trouillot oder Marie-Célie Agnant haben sich in jüngster Zeit mit der Duvalier-Dynastie auseinandergesetzt, dem Terrorregime von François und Jean-Claude Duvalier (1957–1986). Dabei richten sie ihr Augenmerk auf die Brüche und Risse im familiären und sozialen Gewebe, das Verdrängte und Verschwiegene, das unterschwellig weiterwirkt und im Umgang von Tätern und Opfern durchbricht.

«Ich bin die Ehefrau von Daniel Leroy und die Mätresse eines Macoute-Staatssekretärs», erklärt Nirva Leroy, Protagonistin von Kettly Mars’ Roman «Wilde Zeiten» . Perverser könnte es kaum kommen: Nirvas Ehemann, ein regimekritischer Journalist, wird nach Fort Dimanche gebracht, in den gefürchteten Folterkerker Duvaliers.

Die plötzlich völlig auf sich gestellte Mutter von zwei Kindern versucht, ihren Ehemann wieder freizubekommen und wird bei Raoul Vicent vorstellig. Der einflussreiche Staatssekretär macht aus seinem Begehren für die Mulattin keinen Hehl. Er überhäuft sie mit Geschenken, bis sie seinem Drängen nachgibt, wohl wissend, dass sie sich dem Räderwerk der Macht aussetzt – der «Macht im Dienst der Triebe, des Instinkts und der Hemmungslosigkeit».

Mars hat diese vertrackte Liebesgeschichte zu einem Roman verdichtet, der verstört und irritiert, weil er sich dem simplen Täter-Opfer-Muster verweigert, jedoch präzis den schleichenden Integritätsverlust einer Frau schildert, ihr Hin und Her zwischen Faszination und Abscheu gegenüber einem Mann, der ihr auf seine Art zugetan ist, doch ihr zugleich grossen Schaden zufügt, nicht nur, weil er alles daran setzt, dass Daniel Leroy hinter Gittern bleibt.

Gerade weil Mars wie schon in «Fado» (2010) sehr sinnlich erzählt und die dunklen Seiten der Sexualität nicht ausspart, erkennt man das perfide Zusammenspiel von Sex und Macht als Unterwerfungsstrategie eines Regimes, das ausnahmslos alle Lebensbereiche zu durchdringen versucht.

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