Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Entmystifizierung mit Nachgeschmack

Mit viel Akribie hat der frühere Belgrad-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» Michael Martens die Geschichte eines einfachen deutschen Soldaten rekonstruiert, «der nicht töten wollte».

Von Thomas Bürgisser

«Ganz normale Männer»: So betitelte der US-Historiker Christopher Browning seine 1992 veröffentlichte Fallstudie über den Einsatz des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101 an der Ostfront. Das Bataillon hatte im Hochsommer 1942 in den Wäldern um die ostpolnische Kreisstadt Jozefow die Erschiessung von mindestens 1500 Jüdinnen und Juden «durchgeführt» und damit seinen Beitrag zur «Endlösung» geleistet. Nicht «Bestien in Menschengestalt» seien die Reservisten gewesen, allesamt Herren mittleren Alters aus der ehemals sozialdemokratisch geprägten Arbeiterschicht der Hansestadt, sondern eben «ganz normale Männer». Am Massenmord beteiligten sie sich aus Gehorsam, persönlichem Ehrgeiz, soldatischem Pflichtbewusstsein oder um keine «Kameradenschweine» zu sein, die die «Drecksarbeit» anderen überliessen; sie handelten unter Druck, viele schossen wohl auch absichtlich daneben, entzogen sich dem Tötungsbefehl durch Ausflüchte, doch geweigert, geweigert hatte sich keiner. Sie waren keine Bestien – aber sicher auch keine Helden.

Ganz anders der Gefreite Josef Schulz. An einem anderen Schauplatz der nationalsozialistischen Mordpolitik, auf dem Balkan, genauer in der mittelserbischen Stadt Smederevska Palanka, hatte sich ein Jahr vor dem Massaker von Jozefow der Wehrmachtsangehörige Schulz dem Befehl widersetzt, serbische Partisanen zu erschiessen. Ein einfacher Mann, Schaufensterdekorateur aus Wuppertal, hatte sich aktiv auf die Seite der Opfer gestellt, hatte offen Widerstand gegen Verbrechen und Gewalt demonstriert. Und dafür mit seinem Leben bezahlt: Der vorgesetzte Offizier liess ihn kurzerhand in die Reihe der zu Erschiessenden treten. So starb Josef Schulz Seite an Seite mit den jugoslawischen Widerstandskämpfern im Kugelhagel des Exekutionskommandos.

Überraschendes Rechercheresultat

Welch packende Story! Ab den 1960er-Jahren faszinierte die «Causa Schulz» viele PublizistInnen aus Serbien und der Bundesrepublik Deutschland. Zahlreiche Presseartikel erschienen zu dem «guten Deutschen»; im sozialistischen Jugoslawien wurden sogar zwei publikumswirksame Spielfilme über Schulz gedreht, zwei Denkmäler wurden ihm errichtet, eine Strasse nach ihm benannt. Auch Michael Martens, von 2002 bis 2009 Belgrad-Korrespondent der FAZ, konnte dem Stoff, auf den er zufällig gestossen war, nicht widerstehen. «Heldensuche» heisst das Resultat seiner jahrelangen Recherchen.

Michael Martens’ Buch ist eine liebevoll verfasste und ausufernde Reportage, gespickt mit ergreifenden Anekdoten, eigentlich ist es mehr eine Aneinanderreihung von Exkursen, ein Labyrinth aus Nebengeschichten. «Heldensuche» oszilliert zwischen serbischer Provinz, Belgrader Cinemathek, dem Antisemitismus in Berliner Altersresidenzen, der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und Titos Speiseplan. Martens greift unzählige Biografien von Menschen auf, die in irgendeiner Weise mit Josef Schulzens Geschichte verquickt waren: Archivare und Museumsdirektoren, die serbischen Schriftsteller David Albahari und Aleksandar Tisma, der gefeierte jugoslawische Schauspieler Faruk Begolli, die gelähmte Provinzdichterin Mina Kovacevic, Percy Ernst Schramm (der im Oberkommando der Wehrmacht das Kriegstagebuch des «Dritten Reichs» geführt hatte) oder der erfolgsverliebte Bundestags-Hinterbänkler Wilderich Freiherr Ostman von der Leye. Dabei wäre die Geschichte eigentlich schnell erzählt. Am Ende war alles Hokuspokus: Josef Schulz war bereits am Tag vor seiner vermeintlichen Befehlsverweigerung und Exekution bei einem Feuergefecht gefallen. Der Gefreite war eben doch kein Held, sondern auch ein «ganz normaler Mann».

Geschichte mit doppeltem Boden

Die minutiöse und ausschweifende Rekonstruktion des Mythos Josef Schulz macht Martens’ historische Spurensuche zur spannenden Detektivgeschichte. Im Zeichen einer diplomatischen Annäherung zwischen Jugoslawien und der BRD Ende der sechziger Jahre, als pädagogisches Instrument der «Vergangenheitsbewältigung» in beiden Ländern, mit dem Ziel einer touristischen Aufwertung oder schlicht aus persönlichem Profilierungsdrang hatten zahlreiche Menschen ein Interesse an der Existenz der «Geschichte des Soldaten, der nicht töten wollte» – und der deshalb selbst getötet wurde.

Der Fall Schulz ist ein Lehrstück darüber, wie historische Mythen – konstruiert von verschiedenen AkteurInnen, aus unterschiedlichen Motiven und durchaus unabhängig voneinander – entstehen können. Geschichte, so lernen wir, hat immer einen doppelten Boden. Gallenbitter ist dann jedoch der Nachgeschmack, wenn man erfahren muss, dass es auch Martens mit der Redlichkeit nicht so genau nimmt. Der heute in Leipzig lehrende Osteuropa-Historiker Carl Bethke hatte nämlich bereits 2002 in einem Artikel den «Fall Schulz» detailliert aufgearbeitet, wie die österreichische Wochenzeitung «Falter» nach dem Erscheinen von Michael Martens’ «Heldensuche» enthüllte. Martens hat wohl gegen Ende seiner Recherchen von Bethkes Studie erfahren, kontaktierte ihn auch – unterliess es jedoch, in seinem Werk darauf hinzuweisen, dass seine wunderbare Geschichte schon ein anderer erzählt hat.

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