Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Astlöcher an der Schlafzimmerdecke zählen

Mit seiner Poetik öffnet der Aargauer Andreas Neeser den Blick für das Unordentliche.

Von Anna Wegelin

Was die Gründe dafür sind, dass Isabelle ihren Mann Simon verlässt, weiss nur sie selbst. Und wenn, dann auch nur halbbewusst: Denn der Ich-Erzähler hat teuflischen Spass daran, Ich-Gefühle und Lebensschicksale zusammenzuwürfeln.

Andreas Neeser stört mit Vorliebe unsere eingefleischte Wahrnehmung, das Leben in geordneten Bahnen. Im Roman «Fliegen, bis es schneit» gerät es aus den Fugen.

Isabelle ist Wohnberaterin, Simon Computerfachmann. Die beiden sind Anfang dreissig und seit sechs Jahren ein Paar. Sie erben ein Haus, und ein Kind ist geplant. Doch dann will es der Zufall, oder auch nicht der Zufall, dass Isabelle an einem schwülheissen Maitag auf dem Perron von einem mystischen Flötisten mit silbern glänzendem Haar angesprochen wird. Er stilisiert sie zu seinem «Engel», gebärdet sich aber auch als widerlicher Stalker. Und wirft Isabelle, die ihren Mann trotz seiner Durchschnittlichkeit liebt, aus der Bahn.

So zählt Isabelle von nun an Astlöcher an der Schlafzimmerdecke und macht das Leiterlispiel, anstatt mit Simon zu schlafen. Sie träumt von ihrem «Schneekönig» und fliegt mit dem «Winterkind» «in einen Winter, wie es ihn hier nicht mehr gab, weiss und still». Sie verliert die Verbindung zu sich selbst, fühlt sich angesichts des «Unsäglichen» leer – und frei wie ein Vogel.

Der Roman lässt sich lesen als die Geschichte einer Trennung, die oft unergründlich bleibt. Spannender jedoch ist es, dem Würfelspiel des Erzählers beizuwohnen, auch wenn dies eine Identifikation mit den Figuren verhindert. Aber dies ist Neesers Sache nicht: Er will uns mit seiner Poetik die Augen öffnen – für das Unordentliche und das Ungeordnete.

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