Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Kein Leuchtturm, sondern ein Raum unter vielen

Die aktuelle Kulturförderung mag klar definierte Projekte, die zu «Leuchttürmen» erklärt werden können. Doch was geschieht mit selbstorganisierten Räumen, bei denen nicht von Anfang an klar ist, was sich wann daraus ergeben wird?

Von Andrea Thal

Ich beginne mit dem Versuch, rückwärts in die Zukunft zu schauen. Ich gehe dabei von Erfahrungen seltsamer Gleichzeitigkeiten aus, die ich vergangenes Jahr sammelte, als ich als Betreiberin eines selbstorganisierten Raums eingeladen war, einen der beiden Schweizer Pavillons an der Biennale in Venedig zu kuratieren.

So unterschiedlich die Kontexte sind: Ich habe versucht, mit dem Bewusstsein des einen in den andern zu gehen. Zum Beispiel: nicht nur auf einen Namen zu setzen, sondern unterschiedliche Produktionen zu realisieren, die Ausstellungsdauer als Zeitraum für Prozesshaftes zu erhalten und den engeren Rahmen zeitgenössischer Kunst hie und da zu verlassen. Kurz: von Arbeitsweisen auszugehen, in denen ich auch sonst tätig bin.

Natürlich ist dieser Transfer nicht ganz einfach. Bestimmte Sachen können in diesem Kontext nicht bestimmt werden: die Eröffnungsrede eines Bundesrats etwa oder das Eröffnungsdatum. Und doch war die Arbeit in Venedig weitgehend selbstbestimmt – ohne Auflagen des Bundesamts für Kultur (BAK) bezüglich Inhalt, Nationalität der Teilnehmenden oder ihrer Einordnung in Kunst, Musik, Theater, Philosophie oder antirassistischen Aktivismus. Und: Es gab Geld, um all dies zu tun und alle Beteiligten zu bezahlen! Hier lag ein beachtlicher Unterschied zu meiner achtjährigen, unbezahlten Arbeit bei Les Complices, dem undisziplinierten Raum.

Es braucht Freiräume

Dann eine weitere Gleichzeitigkeit: Parallel zur Arbeit in diesen Kontexten begann sich eine Veränderung abzuzeichnen, die beide gleichermassen betrifft. Künftig wird es in Venedig keinen vergleichbar finanzierten zweiten Beitrag mehr geben. Und auch die Förderung für Kunsträume ist nicht mehr wie zuvor, ab 2012 gibt es vom Bund keine Gelder mehr für selbstorganisierte Kunsträume. Die «Preise für Ausstellungsräume», ein mit 220 000 Franken relativ kleiner Topf, wurden in der neuen Kulturförderungsverordnung beim BAK gestrichen – und von der Pro Helvetia nicht übernommen. Die Diskussion um den Vorschlag, die Hälfte der Kulturinstitutionen zu schliessen, wie er im vom Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel mitgeschriebenen Buch «Kulturinfarkt» geäussert wurde, mutet aus dieser Perspektive doch eher absurd an. Die Vorschläge, welche Räume als Erste geschlossen werden sollen, sind ja bereits gemacht.

Die Kulturförderung mag Projekte: möglichst fassbare, mit einem klaren Anfang und Ende, übersichtlich und gut erklärbar, mit detaillierter Abrechnung und mit Schlussbericht. Unkompliziert verwaltete Fördergelder hingegen waren schon immer schwierig aufzutreiben. Jetzt wird es noch viel schwieriger. Anstelle der kommerziellen Verwertbarkeit von Projekten möchte ich also lieber die Notwendigkeit solch vergleichsweise unglamouröser Förderung betonen.

Kulturförderung mag auch Preise. Diese aber sind – insbesondere wenn es nur einen oder immer weniger davon gibt – kein wirksames Förderinstrument: Sie wollen etwas markieren, das herausragt. Les Complices möchte aber kein Leuchtturm sein, sondern ein Raum unter vielen.

Sorgfalt und Aufmerksamkeit brauchen Zeit und die Möglichkeit, sich aufeinander, auf Werke, Gedanken und Inhalte einzulassen. Damit ein solcher Raum entstehen kann, sind Freiräume notwendig. In seltenen Fällen kann es diese auch innerhalb eines Grossanlasses wie der Biennale geben. Aber die Selbstverständlichkeit, der Hintergrund solcher Arbeitsweisen entsteht andernorts: dort, wo es nicht so klar ist, wann sich was daraus ergeben wird – in Arbeiten etwa, die sich am Rand der bildenden Kunst bewegen, hin zu Performance, Inszenierung, Audiostück oder Text; oder in solchen, die sich fortlaufend selbst bestimmen und nach Formen gemeinsamen Hörens, Schauens oder Sprechens suchen.

Weder Laie noch Profi sein

Es geht also um etwas, das sich oft nur vage beschreiben lässt: um eine Suche. Selbstorganisierte Strukturen können genau dafür Raum schaffen, weil sie keine Produkte verkaufen müssen und sich die Zeit nehmen möchten, Dinge behutsam in ihren jeweiligen Zeitlichkeiten entstehen zu lassen. Kultur ist nicht etwas, das alle tun müssen. Teil einer Gemeinschaft zu sein, bedeutet auch, etwas anzuerkennen, was einem selbst keinen unmittelbaren Nutzen, keine Unterhaltung und keine Erkenntnis bietet, das aber anderen in dieser Gemeinschaft etwas bedeutet. Gleichzeitig ist Kultur nicht etwas nur für die, die es eh schon zu verstehen glauben oder «dazugehören». Eher als von noch mehr Vermarktbarkeit, mehr Qualitätschecks und Eintritten möchte ich davon schreiben, «wie» sich die, die kommen möchten, und jene, die schon da sind, in einem Raum treffen können.

Gerade darum ist es so wichtig, Kultur und insbesondere bildende Kunst nicht auf Verwertbarkeit zu reduzieren. Das fängt mit der Diskussion um die Kulturpolitik an. Ich möchte darin keine der viel publizierten Pro- oder Kontra-Positionen einnehmen, sondern erst einmal darüber sprechen, «wie» darüber gesprochen werden kann. Ich möchte in den Grauzonen zwischen dem Pro und dem Kontra sprechen. Und ich möchte keine Einteilungen wie die in Laien- und professionelle Kultur vornehmen.

Denn ich weiss beim besten Willen nicht, welcher der beiden ich mich zurechnen soll: Bin ich Laiin, weil meine Arbeit nicht bezahlt ist? Profi, weil es den Raum nun trotzdem schon zehn Jahre gibt? Und wie wäre eine Form von Arbeit zu bezeichnen, bei der ich vor allem lerne? So oder so: Ich möchte kein Profi sein. Professionalität ist der Fachausdruck für das Denken in engen Schranken.

Doch eines möchte ich unbedingt. Dass sich zur Diskussion um Marktanschluss für Studierende und Technoparks für Kulturschaffende endlich eine viel einfachere gesellt: die Diskussion darüber, wie die von Kulturschaffenden (und vielen anderen) geleistete Arbeit zu entlöhnen wäre!

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