Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Melken, was die Kühe hergeben

Seit drei Jahren gibt es keine Milchkontingentierung mehr. Jedes Jahr wird mehr gemolken – obwohl der Milchpreis die Kosten der BäuerInnen nicht deckt. Braucht es eine erneute Steuerung der Milchmenge? Oder sind Überschüsse gar nicht so schlecht? Ein Streifzug durch die zerstrittene Schweizer Milchlandschaft.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Werner Locher ist kein armer Kleinbauer. Er hat fünfzig Kühe – für einen Schweizer Bauernhof ist das viel. Dennoch weiss er nicht, wie er das neue Dach bezahlen soll, das seine Scheune dringend braucht. «Von den Milchpreisen kann heute niemand leben», sagt er. «Wenn es so weitergeht, chlöpft es irgendwann.»

Die fünfzig Kühe liegen im Laufstall und käuen wieder. Im Auslauf stehen zwei Rinder und lecken sich liebevoll. Ein junger Stier schaut ihnen zu. «Der ist zum Nachhelfen», erklärt Locher. «Wenn es mal mit dem Besamen nicht klappt.» Der Hof steht ausserhalb von Bonstetten im Knonauer Amt, hinter dem Üetliberg liegt Zürich.

Werner Locher ist gross, hat rötliches Haar und wirkt auch dann noch freundlich, wenn er gerade am Schimpfen ist. Es gibt ein Foto von ihm, das ziemlich bekannt wurde: ein junger Mann mit einer Kuh am Halfter vor dem Zürcher Rathaus. Hinter ihm stehen weitere Kühe und ein Transparent: «Wir fressen weiterhin am Trassee der N4.»

Das war 1985. Direkt unter dem Hof, quer durchs Tal, war die Autobahn geplant. Die Kleeblatt-Initiative, die sie verhindern wollte, scheiterte 1990 an der Urne. Dem lokalen Widerstand ist es zu verdanken, dass Lochers nichts von der Autobahn sehen, die vor zweieinhalb Jahren schliesslich eröffnet wurde: Sie verläuft jetzt in einem langen Tunnel durch den Islisberg.

Sein Vater kaufte den Hof 1947 und hielt fünfzehn Kühe. Die Bauernfamilien aus Bonstetten lieferten sauren Most, Kartoffeln, Obst und Brennholz mit Ross und Wagen direkt nach Zürich, verkauften sie von Tür zu Tür. Schon damals lernte Werner Locher, was er heute den Milchbauern immer wieder in Erinnerung ruft: Ein Überangebot ruiniert den Preis. Nach den Hausiertouren war der Vater so erschöpft, dass er auf dem Kutschbock einschlief. Die Pferde fanden den Heimweg alleine.

Dann wurde Coca-Cola populär; niemand wollte mehr sauren Most. Die Alkoholverwaltung bezahlte Prämien für gefällte Obstbäume. Der Bund plante die Autobahn. Von den über fünfzig Bonstetter Milchbetrieben sind noch drei übrig geblieben. Einer davon ist der von Lochers. Zusammen mit seiner Frau Carole und einer Angestellten betreut er die Kühe, baut Getreide und Mais an, zieht selber Rinder auf und mästet einige Kälber.

Fünfzig Kühe sind genug

Als die Kleeblatt-Initiative verloren war, setzten sich Werner und Carole Locher für einen Schulbus ein, damit die Kinder nicht auf der stark befahrenen Hauptstrasse in die Schule mussten. Heute hält das Postauto vor dem Stall, und Werner Locher kämpft für etwas Grösseres: einen vernünftigen Milchmarkt.

Locher ist Sekretär der Milchbauernorganisation BIG-M, der Bäuerlichen Interessengruppe für Marktkampf, die vor vier Jahren zu den treibenden Kräften des Milchstreiks gehörte. Er findet zwar, es sei langsam Zeit aufzuhören – zu vieles sei liegen geblieben in den letzten Jahren –, aber als BIG-M-Präsident Martin Haab anruft, ist er sofort in die Diskussion vertieft: «Da müssen wir eine klare Position erarbeiten!» Haab sitzt seit kurzem für die SVP im Zürcher Kantonsrat, Locher hingegen steht links: «Es war fatal, dass 1918 beim Generalstreik bäuerliche Bataillone aufgeboten wurden, um auf streikende Arbeiter zu schiessen. Die Bürgerlichen wollten verhindern, dass Arbeiter und Bauern am gleichen Strick ziehen.»

Doch die beiden sind keine Ausnahme – der Streit um die Milch verläuft quer durch die Politlandschaft. Erbittert verfeindete Milchbauern sitzen gemeinsam in der SVP, die Frage der Milchmenge spaltet die Mitteparteien genauso wie die Linke: Die Grünen haben die Motion des Berner SVP-Nationalrats Andreas Aebi, die die Milchmenge begrenzen will, fast geschlossen unterstützt, in der SP waren bis auf eine kleine welsche Minderheit alle dagegen.

Zu viel Milch ist auf dem Markt: 2011 wurden in der Schweiz 3,47 Millionen Tonnen gemolken, fast eine halbe Tonne pro EinwohnerIn. Es ist das fünfte Rekordjahr in Folge. Der Richtpreis für A-Milch, die für den Inlandmarkt bestimmt ist (vgl. «Wer Milch verursacht, soll zahlen»), liegt zurzeit bei 66 Rappen. Damit kann kaum ein Milchbetrieb seine Kosten decken. Nach klassischer Wirtschaftstheorie wäre zu erwarten, dass in diesem Fall das Angebot sinkt; für die Milch stimmt das aber nicht.

In den letzten sechs Jahren haben zwar 5000 Betriebe die Milchproduktion aufgegeben. Aber jene, die sich auf Milch spezialisiert und entsprechend investiert haben, machen das Gegenteil: Sie versuchen, den tiefen Preis mit hohen Mengen zu kompensieren.

«Wer fünfzig Kühe hat, sollte davon leben können und auch noch etwas zum Investieren übrig haben», sagt Werner Locher. Er hat viele Betriebe in vielen Ländern gesehen. Etwas sei überall gleich: «Mehr als fünfzig Kühe kann eine Person nicht gewissenhaft betreuen. Auf einem ostdeutschen Milchbetrieb mit tausend Kühen arbeiten einfach zwanzig Ukrainer.» Locher möchte lieber zwanzig selbstständige Betriebe als einen Grossbetrieb mit zwanzig Knechten. Dafür lohne es sich zu kämpfen. Und die Milchmengensteuerung sei zentral dafür: «Wenn wir nicht über die Menge reden, können wir auch nicht über den Preis reden.»

Das Modell, das den BIG-M-Mitgliedern vorschwebt, heisst «marktgerechte Mengensteuerung»: Eine Monitoringstelle beobachtet den Markt und legt die Milchmenge laufend so fest, dass sie der Nachfrage entspricht. «In Kanada gibt es Tagesquoten pro Betrieb, mit einem Spielraum von zehn Tagen. Der Milchproduzent sieht jeden Tag, ob er die Quote einhält, und kann die Menge über die nächsten Tage anpassen.» Aber geht das in der Schweiz? Der kanadische Milchmarkt ist noch bei allen Produkten mit Zöllen geregelt, während in der Schweiz der Freihandel mit der EU beim Käse bereits läuft. Locher meint: «Es gibt eine Nachfrage nach Schweizer Milchprodukten, einen Markt einer bestimmten Grösse. Den wollen wir beliefern.» Das European Milk Board (EMB) propagiert das Gleiche für die ganze EU. Das müsse gar nicht der Staat übernehmen, meint EMB-Präsident Romuald Schaber, Milchbauer im Allgäu: «Wir brauchen eine Angebotssteuerung, weil alle anderen Systeme nicht greifen», schreibt er in seinem Buch «Blutmilch». «Dafür brauchen wir eine Monitoringstelle und eine Rechtsgrundlage. Und nur für diese Rechtsgrundlage, nicht für die Steuerung, brauchen wir die Politik.»

Nach dem Zweiten Weltkrieg förderten die Regierungen in Europa die Industrialisierung der Landwirtschaft. Sie hatten Angst vor Lebensmittelmangel. Doch bald schon produzierte Europa nicht nur genug Nahrung, sondern zu viel. Um Überschüsse zu verhindern, hätte die Politik die Mengen begrenzen müssen. Das geschah aber nicht. Zwar führte die Schweiz 1977, die EU 1984 die Milchkontingentierung ein, aber die Quoten waren so hoch angesetzt, dass sie mehr als den Binnenmarkt versorgen konnten. Werner Locher sagt: «Was die Käseunion machte, war fragwürdig: Sie verkaufte Käse billig im Ausland, und der Bund zahlte die Preisdifferenz. Das war Dumping.»

Dann erreichte die Liberalisierungswelle auch die Landwirtschaft, 1995 wurde die Welthandelsorganisation WTO gegründet. Exportsubventionen sind laut WTO marktverzerrend, also schlecht – das ist so ziemlich der einzige Punkt, in dem sich LiberalisiererInnen und KleinbäuerInnen einig sind.

Die Schweiz verbilligt heute keine Milchproduktexporte mehr, zumindest nicht direkt. Denn jetzt zahlen die BäuerInnen selber: einerseits mit einem sehr tiefen Preis für einen Teil der Milch, anderseits, befristet bis April 2013, mit einer Abgabe von einem Rappen pro Kilo auf der gesamten Milchmenge (vgl. «Wer Milch verursacht, soll zahlen»). Das Resultat ist dasselbe, wie wenn der Staat direkt zahlen würde: Butter und Milchpulver landen billig auf dem Weltmarkt. «Was heute geschieht, ist auch Dumping!», betont Locher. «In den Importländern können die Bauern nicht leben. Der Weltmarktpreis ist viel zu tief.»

«Mehr Milch ist nicht verwerflich»

Es sind die grossen Verarbeitungsfirmen, die das Milchpulver herstellen: Nestlé, Emmi, Cremo sowie die Hochdorf-Gruppe. Letztere unterhält in der Schweiz zwei Fabriken: eine im Thurgauer Dorf Sulgen, die andere am Stammsitz der Firma, in Hochdorf im Luzerner Seetal.

Milch sieht man fast nie im Werk der Hochdorf Nutritec beim Bahnhof Hochdorf. Man sieht glänzendes Metall: meterhohe Tanks, Zentrifugen, Rohre, die in Böden und Wänden verschwinden. Hier wird Milch zuerst eingedampft, dann zu Pulver getrocknet. Das braucht viel Energie: je nach Verfahren zwanzig bis dreissig Liter Erdgas pro Kilo Milch.

Für Babynahrung zum Beispiel. Etwa 85 Prozent davon exportiert Hochdorf, vor allem nach China, Russland und in den Nahen Osten. Kein Zufall: In Ländern, wo berufstätige Frauen nicht stillen können, weil sie nach dem Gebären fast sofort wieder zurück an die Arbeit müssen, ist die Nachfrage nach Babynahrung gross.

Nach der Besichtigung zeigt Christoph Hug, Leiter Unternehmenskommunikation der Hochdorf-Gruppe, in einem Sitzungszimmer einen Werbefilm. Das Zimmer ist wie das ganze Gebäude in Blau und Weiss gehalten. Neben Hug sind auch Werksleiter Jürg Buchli und Roland Unternährer, zuständig für Marketing und Verkauf bei der Hochdorf Swiss Milk AG, dabei.

Mit dem Bevölkerungswachstum und «aufstrebenden Regionen mit Milchmangel» sei absehbar, dass die Nachfrage nach Milchpulver wachse, sagt Unternährer. «Mehr Milch produzieren ist angesichts der globalen Nachfrage nicht verwerflich. Wir bedienen mit unseren Überschüssen aufstrebende Märkte.» Hug stimmt zu: «International ist fast jede Menge absetzbar. Nur noch Milch für den Inlandmarkt zu produzieren, wäre fatal.» Die Schweiz würde Marktanteile verlieren, sagt Hug, und wegen des Käsefreihandels bliebe der Importdruck bestehen. «Natürlich stimmt es, dass der Schweizer Konsument im internationalen Vergleich wenig für Lebensmittel ausgibt – aber da kann er sparen! Wer im Ausland einkauft, hat ein riesiges Einsparpotenzial.»

Zu einem möglichen Agrarfreihandelsabkommen zwischen der Schweiz und der EU meint Christoph Hug: «Ich sehe mehr Chancen als Gefahren. Wir könnten mehr exportieren, vor allem Produkte im Hochpreissegment.» – «Und die Rohstoffe würden günstiger», ergänzt Roland Unternährer. Würde Hochdorf, wenn die Zölle wegfallen, billigeres Milchpulver aus der EU importieren? «Es ist nicht in unserem Interesse, dass die Milchproduktion in der Schweiz aufhört», meint Unternährer. «Der Schweizer Milchpreis wird sinken. Aber wir erwarten, dass wegen der globalen Nachfrage der EU-Milchpreis langfristig steigt. Der Schweizer Preis wird sich dazwischen einpendeln.»

Wie sollen die LandwirtInnen die Milch noch billiger produzieren können? «Es ist die politische Vorgabe, dass wir rationeller werden sollen – die Bauern genauso wie wir», betont Jürg Buchli. «Die Bauern schaffen das! Sie sind immer besser ausgebildet und können mit grösseren Betrieben und Mechanisierung die Effizienz steigern. Dann braucht es eben 100 oder 150 Kühe pro Betrieb statt 30.»

Viel ist von Sachzwängen die Rede an diesem Nachmittag im blau-weissen Zimmer. Dabei sind die Hochdorf-Vertreter in einer paradoxen Situation: Sie reden die ganze Zeit vom Markt, von Marktanteilen, «nicht marktkonformem Eingreifen», aber sie brauchen den Staat mehr, als ihnen lieb ist. Sie sind zum Beispiel angewiesen auf das Schoggigesetz, das Schweizer Rohstoffe für die Lebensmittelindustrie auf EU-Preisniveau verbilligt. Und ohne die Direktzahlungen des Staats könnten die BäuerInnen die Milch nie zu den heute üblichen Preisen liefern.

Andere Sachzwänge, die mindestens so entscheidend sind wie die kurzfristigen ökonomischen, kommen nur am Rand vor. Zum Beispiel die Energiefrage. Die Hochdorf Nutritec ist zwar sehr bemüht, ihre Anlagen energetisch zu optimieren. Aber dass die ganze Milchpulverindustrie vom Import des Kraftfutters für die Kühe über die Trocknung bis zu den Transporten rund um den Globus nur möglich ist, solange es billige Energie gibt, ist kein Thema.

«Dann besetzen andere den Markt»

Es gibt auch Bauern, die die Politik der grossen Mengen und tiefen Preise unterstützen. Besonders in der Ostschweiz: Wie nirgends sonst haben dort die Organisationen der MilchproduzentInnen ihre Mengen ausgedehnt. Die Thur Milch Ring AG etwa. Ihr Verwaltungsratspräsident Roland Werner bauert im Thurgauer Dorf Wäldi, nicht weit vom in Verruf geratenen Delfinpark Connyland. Er hat etwa gleich viele Kühe wie Werner Locher und ist SVP-Mitglied wie viele Bauern bei BIG-M, die sich für eine Steuerung der Milchmenge starkmachen. Dennoch vertritt er in der Milchpolitik das Gegenteil.

Roland Werner hält nichts von einer Mengensteuerung, wie sie BIG-M fordert. Sie bestrafe unternehmerische Bauern: «Es geht nicht an, dass die Politik das Signal gibt, man solle wachsen und sich spezialisieren, und dann werden jene abgestraft, die es tun.» Die Grenzen seien zu zwei Dritteln offen. «Wenn wir weniger produzieren, besetzen andere den Markt.» Die Schweiz sei schon sehr lange ein Milchexportland: «Wir produzieren 115 Prozent der Menge, die wir konsumieren. Wenn man das nicht will, muss man die Milchproduktion massiv runterfahren. Und dann müssten viele Bauern aufhören!»

Oder etwas anderes produzieren, zum Beispiel mehr pflanzliche Produkte? «Beim Getreide sind wir zu teuer, da braucht es grosse Flächen, das ist in Russland, in Osteuropa viel billiger möglich. Bei der Milch ist der Abstand zum Ausland viel kleiner. Milch und Fleisch passen einfach am besten zu unserer kleinräumigen Landschaft.»

Der Milchbauer der Zukunft sei Unternehmer, sagt Roland Werner. Ein Unternehmer müsse überzeugt von seiner Arbeit sein, Freude daran haben und rechnen können. «Und was auch ganz wichtig ist: Ein Unternehmer denkt nicht zu viel darüber nach, wie er die Rahmenbedingungen zu seinen Gunsten ändern könnte. Er macht etwas Gutes mit den gegebenen Rahmenbedingungen.» Also engagiert er sich nicht in der Politik? «Er investiert dort nicht zu viel. Die Rahmenbedingungen zu verändern, ist ein fast aussichtsloser Kampf. Da sterben die meisten, bevor sie es erleben.»

Wahrscheinlich schläft Roland Werner besser als Werner Locher. Denn Locher kann nicht aufhören, über Rahmenbedingungen nachzudenken. Darüber, wie ein Milchmarkt aussehen könnte, in dem der Nachfrage angepasste Mengen stabilere Preise ermöglichten. In dem die MilchbäuerInnen in erster Linie ihre Region versorgen und nicht anonyme Rohstoff(über)produzentInnen für den Weltmarkt sind, die nur an sich und ihr eigenes «Unternehmen» denken. Wie der Streit um die Milch ausgehen wird, ist offen. Aber es wird Folgen haben für die ganze Landwirtschaft. Nicht nur in der Schweiz.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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