Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Hehre Ziele, weiter Weg

Von Anna Wegelin

Zunächst ein erdiger Einband: Das Handbuch zum Überleben «Viel Gutes zum kleinen Preis» von Christoph Simon kommt wie eine Heilige Schrift daher. Doch die Alltagsbibel wider den «Konsum als Religion» (Pedro Lenz) und andere Sünden aus der Feder des Kreativkopfs mit Jahrgang 1972 aus Bern ist ein kleines Feuerwerk. Simon hat bislang mehrere Romane und einen Gedichtband veröffentlicht. Und steht recht quer in der Literaturlandschaft.

«Viel Gutes zum kleinen Preis» ist: ein Sammelsurium von Gebrauchsanweisungen für das Leben, dekonstruierten «Märchen aus dem Literaturbetrieb», coolen Cartoons, intimen Fragen und ehrlichen «Kinderbriefen an den Satan».

Stichwort Lebenskunde: Wir sind zum Beispiel aufgerufen, Verhaltensregeln im Igelvolk zu verbreiten, um die Rate ihrer Stichverletzungen zu verringern (wir haben doch ein Herz für Tiere!). Wir lernen, wie man adäquat mit einer Nachttischlampe spricht (sie ist nämlich ein empfindsames, charaktervolles Wesen!). Oder wir lernen, wie wir Menschen wasserdicht werden (in Zelluloseleim tauchen und trocknen lassen).

Simons Kunstmärchen fahren allen im Literaturbetrieb an den Karren (Verlegern sowieso) – ausser den Buchhändlerinnen, deren vielbeschworene erotische Anziehungskraft uns mit der Zeit dann aber auf den Wecker geht.

«Mit diesem Buch», so der Autor beziehungsweise sein Advocatus Diaboli, «können Sie Ihre Verhaltensweisen und Ziele hinterfragen», um letztlich «das eigene und gesellschaftliche Wohlergehen voranzutreiben». Hehre Ziele, weiter Weg.

«Viel Gutes …» ist: Kleinkost, die sich am besten häppchenweise geniessen lässt: Zu viel des Guten nervt oder raubt uns den Schlaf. Als Appetizer empfehlen wir die Fragen am unteren Buchrand (nur nicht beantworten!) oder Simons Zeichnungen, die für sich sprechen.

Sodass am Ende die etwas andere Lebenskunde ihre Wirkung tut. Und wir endlich zur Besinnung kommen.

Siehe auch das Monatsinterview mit Christoph Simon vom Oktober 2005.

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