Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Gesellschaftliche Verkrampfungen

Von Michael Saager

Martin Amis rechnet mal wieder ab. Der 63-Jährige gilt als bissiger Hund, als Nestbeschmutzer des britischen Literaturbetriebs. Sein Doku-Roman «Koba der Schreckliche» über Stalins Schreckensherrschaft sorgte für steilen Wind im Literaturzirkus; ein islamkritischer Essay bescherte Amis zuletzt den Ruf, Rassist zu sein.

Im jüngsten Roman «Die schwangere Witwe» hat der Sohn des Schriftstellers Kingsley Amis die sexuelle Revolution aufs Korn genommen – das, was seiner Meinung nach von der körperlich-geistigen Zeitenwende übrig blieb: Vater tot, das Kind der schwangeren Witwe noch nicht geboren. Amis hat seinen Romantitel einem Essay des russischen Revolutionsdenkers Alexander Herzen entnommen. Der verbale Marketing-Trommelwirbel in Gestalt des vorausgeschickten Satzes «Für dieses Buch werden mich die Feministinnen hassen» passt zu Amis.

Und der Roman? Ist weitaus differenzierter als erwartet, gar nicht mal so schrecklich boshaft, dafür stellenweise ziemlich lustig, von einiger erzählerischer Raffinesse und auch selbstironisch: Mit ein bisschen Fantasie mag man in Amis’ Protagonisten Keith Hearing, einem 22-jährigen Bücherwurm, der Klassiker der englischen Literatur nach Sexstellen abgrast, den Autor selbst erkennen.

Älter geworden erinnert sich Keith an den Sommer 1970 – den er mit seiner Freundin Lily, dem «Busenwunder Sheherazade» und ein paar anderen in Italien verbringt. Ein Sommer der Liebe, der endlich ausgelebten Triebe soll es werden. Der Kniff von «Die schwangere Witwe» liegt darin, dass sich die angestaute Erregung nur halbwegs und ziemlich ungelenk ausagieren lässt. Die gesellschaftlich gemachten Verkrampfungen sitzen tief.

In der Trennung von Liebe und Sex, die sich damals durchzusetzen beginnt, stecke etwas Trauriges; sie markiere den Beginn einer Pornografisierung der Welt, denkt Keith. Der Erzähler des Romans ist wie Amis selbst ein waschechter Kulturpessimist.

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