Nr. 21/2012 vom 24.05.2012

Ein Gedicht wie von selbst

Von Florian Vetsch

William S. Burroughs hat die Theorie vom «Third Mind» aufgestellt; er hat so gründlich damit experimentiert, dass man von einer empirisch überprüften Theorie sprechen kann, die jede/r selbst anwenden kann. Die Theorie vom «Third Mind» besagt, dass aus der Zusammenarbeit zweier Geister ein dritter entsteht, der die jeweiligen Fähigkeiten der Beteiligten übersteigt.

Das Wissen um diesen Effekt ist freilich viel älter. Im japanischen Mittelalter entstand das Renga, das aus lauter «Tanka»-Kurzgedichten bestehende Kettengedicht. Aus ihm ging durch das Brechen mit traditionellen Vorgaben in den 1970er-Jahren das moderne Renshi hervor. Ein solches haben der 80-jährige japanische Altmeister Tanikawa Shuntaro und der 31-jährige Schweizer Autor Jürg Halter unter dem Titel «Sprechendes Wasser» herausgegeben. Im aufschlussreichen Nachwort erläutert Okuda Osamu, dass sich die beiden nur an zwei Regeln gehalten hätten: Eine Strophe durfte aus maximal fünf Zeilen bestehen, und die Autoren mussten auf die letzte vorhergehende Strophe reagieren.

So entstand während vier Jahren im Cyberspace zwischen Tokio und Bern ein Kettengedicht von 36 Strophen, ein Versfluss von mäandernder, gebrochener Schönheit, «sprechendes Wasser» eben. «Das abstrakte Feld des E-Mails konnte ein gemeinsamer Sitzplatz der dialogischen Dichtung werden», sagt Shuntaro, und Halter erläutert: «Das Besondere am Kettendichten ist die Eigendynamik des Gedichts. Diese ist noch stärker, als wenn man alleine schreibt. Shuntaro und ich konnten zusammen beobachten, wie unser Gedicht fast wie von selbst entstand.» Die letzte Wendung hat schon fast etwas Zenhaftes, und so überrascht es nicht, dass Shuntaro vom Renshi-Machen sagt: «Man geniesst dabei eine kleine Weile die Befreiung vom Ego.»

Nun kann man dank der eleganten Ausgabe im Secession Verlag am fruchtbaren poetischen Austausch teilhaben.

Aus dem Deutschen ins Japanische übersetzt von Niimoto Fuminari, aus dem Japanischen ins Deutsche von Eduard Klopfenstein. Mit Schwarz-Weiss-Fotografien der Autoren und einem Nachwort von Okuda Osamu.

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