Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

Durch die Macchia an den Fels

Wonach sollen Klettersportbegeisterte greifen? Nach Führern, die ihnen die angesagtesten Touren nahelegen? Oder nach speziellen Gebietsbeschreibungen? Es passt ja nicht alles in den Rucksack.

Von Alfons Ummenhofer

Moderne Kletterführer bieten heutzutage umfassende und spezifische Informationen. Dabei kommt es nicht allein auf die Beschreibung der Schwierigkeiten einer Route an. Wie erreicht man die Felsen, welche Absicherungen gibt es, ist die nähere Umgebung familienfreundlich, sind Übernachtungsmöglichkeiten vorhanden – auch das sind Fragen, die beantwortet sein wollen.

Vor einem Dilemma steht man jedoch immer häufiger: Greife ich zu einem Gebietsführer, der detailliert – aber ausschliesslich – die Routen eines bestimmten, meist kleinen Gebiets beschreibt? Oder nehme ich einen sogenannten Auswahlführer in die Hand, der über die (nach Meinung der AutorInnen) schönsten, aufregendsten oder anspruchsvollsten Klettereien einer grösseren Region informiert?

Beide Konzepte haben ihre Vor- und Nachteile, wie die hier vorgestellten Bücher zeigen. Doch eine Bemerkung vorweg: Vielfach wird angenommen, dass die Informationen über Routen in Gebietsführern genauer sind – nach der Massgabe: je kleiner das Gebiet, desto detaillierter die Beschreibung. Das stimmt nicht unbedingt. Auch ein gut gemachter Auswahlführer kann vor Ort sehr nützlich sein.

Entlang der Côte d’Azur

Das gilt beispielsweise für das Buch «France: Côte d’Azur» von Chris Craggs, erschienen im englischen Rockfax-Verlag. Craggs beschreibt darin die südfranzösischen Felsen von Monaco bis Marseille – nicht nur jene entlang der Küste, sondern auch die Gebiete im Hinterland einschliesslich der Gorges du Verdon oder des Kalksandsteingebirges Sainte-Victoire. Eine ganze Menge Klettermeter also.

Auffallend an diesem Führer sind die exzellenten Fotos der Felsen, auf denen die Routen eingezeichnet sind. Jede Kletterroute ist unterschiedlich markiert und je nach Schwierigkeitsgrad beziffert, das bietet eine schnelle Orientierung und gute Übersicht. Die Fotodarstellung hat gegenüber grafischen Darstellungen (Topos) den grossen Vorteil, dass man im ausgewählten Sektor sofort sieht, welcher Zapfen oder Riegel angesteuert werden muss. Recht praktisch sind auch die GPS-Angaben der wichtigsten Parkplätze: In so unübersichtlichen Regionen wie den Calanques ist das hilfreich. Da stört es auch nicht, dass der Führer fast ausschliesslich in englischer Sprache verfasst ist. Langes Herumirren im Buschgestrüpp der Macchia und die ganze Flucherei dabei – das muss ja nicht unbedingt sein.

Bei einem Auswahlführer müssen die AutorInnen entscheiden, welche Routen sie weglassen. Das ist der Schwachpunkt dieser Gattung. Im Fall «France: Côte d’Azur» zeigt sich dies bei der Beschreibung der Gorges du Verdon: Eine Auswahl fällt hier niemandem leicht. Craggs hat sich damit beholfen, dass er die bekanntesten und schönsten Routen verschiedener Sektoren zusammengefasst hat. Damit wird er dem Verdon aber nicht gerecht. Durch eine solche Reduktion geht die Auseinandersetzung mit einem Gebiet verloren: Das Klettern gerinnt zu einem Abspulen der Routen, die halt gemacht werden, weil sie im Führer stehen.

Vielleicht ist das auch dem Verlag aufgefallen. Seit ihm beispielsweise die spanische Kletterszene vorhält, durch seine Auswahlführer ihre Gebietsführer vom Markt zu drängen, stellt er in seinen Büchern immerhin auch die speziell lokalen Führer vor. Denn es sind ja die KletterInnen vor Ort, die die Routen erschliessen und die Bolts und Umlenker finanzieren – oft dank des Verkaufs ihrer Kletterführer.

Kleine Schwächen

Eine ganz andere Auswahl trifft die Reihe «Plaisir» des Schweizer Verlags Filidor. «Plaisir» klettern heisst, sich in Routen mit mässigen Schwierigkeiten zu bewegen, die vor allem durch ihre kurzen Hakenabstände keine allzu grossen Ansprüche an die Psyche stellen. Nach anfangs heftigen Diskussionen hat sich das sicherheitsorientierte Sportklettern fest etabliert. Alle «Plaisir»-Führer – gerade eben hat der Verlag zum 20. Jahrestag den Auswahlführer «Schweiz Sélection» neu aufgelegt – haben das handliche A5-Format und bestechen durch ihre minimalistische Bündelung der Fakten: Skizzen, Piktogramme und einfache Topos präsentieren alle wesentlichen Informationen. Man findet sich auch schnell zurecht – wenn man nach oben will.

Ganz unproblematisch ist dieses Konzept nicht. Führer wie «Schweiz Sud», der unzählige Klettergebiete des südlichen Alpenkamms vorstellt, suggerieren teilweise ein falsches Sicherheitsgefühl. Gerade alpine Routen muss man auch bei guter Absicherung mit Respekt angehen. Auch kleine Verhauer können Folgen haben – etwa dann, wie wir am Scaladri bei Avegno miterlebt haben, wenn jemand über den Standplatz hinaus abseilt. Und musste unbedingt die Route Luna Nascente im Val di Mello aufgenommen werden? «Plaisir» ist die sicherlich nicht. Im Gebietsführer des Verlags Versante Sud wird sie als «mittelmässig bis schwer abzusichern» eingestuft.

Klettern in Arco

Ein klassischer Gebietsführer ist der neue Sportkletterführer «Klettern in Arco» von Versante Sud. Der Führer – er wurde in drei Ausgaben (Italienisch, Deutsch und Englisch) publiziert – trägt der internationalen Beliebtheit dieses Gebiets Rechnung; die deutsche Übersetzung ist deutlich besser als in vielen anderen Versante-Sud-Büchern. Die AutorInnen beschreiben alte Klassiker und nagelneu eingerichtete Klettergärten; die Auswahl ist grenzenlos.

Arco ist nun mal einer der wesentlichsten Spots in Europa, und der Umfang der vorgestellten Gebiete ist dementsprechend überwältigend. Die Zufahrt und die Gebietsübersichten sind klar, jeder Klettergarten ist ausreichend charakterisiert, jede einzelne Route kurz kommentiert. Ob dies sinnvoll ist, müssen die NutzerInnen für sich entscheiden. Uns haben die wenigen Worte oft nichts gesagt, da eigentlich klar ist, welche Art von Kletterei bevorsteht.

Der Führer grenzt sich von einem weiteren Werk aus dem gleichen Verlag ab («Hohe Wände im Sarcatal») und beschreibt nur Klettergärten mit überwiegend Einseillängentouren. Das ist lobenswert: Der Verlag Versante Sud erlag nicht der Versuchung, einen Mix zu wagen; man weiss, was man da in den Händen hält.

Wer ein bestimmtes Klettergebiet ansteuert, greift besser auf einen Gebietsführer zurück; denn die bieten auch umfassende Informationen – oft auch zur Geschichte des Klettergartens und der lokalen Klettertradition. Ausserdem wird einem die Routenwahl nicht abgenommen. Wer sich hingegen über die Klettermöglichkeiten in einer grösseren Region – oder, wie im Fall der «Plaisir»-Führer, über meist gut gesicherte Routen – informieren will, ist mit einem Auswahlführer gut bedient, vor allem auf längeren Reisen. Bleibt man dann in einem Gebiet hängen, gibt es immer noch den Gebietsführer.

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