Nr. 27/2012 vom 05.07.2012

Das Typische zeigt sich selbst im Detail

Von Jochen Kelter

Angelika Overath breitet in ihrem jüngsten Buch ein weites Panorama an Themen und Orten aus. Nüchtern und klug sind diese Essays, Reportagen und Prosastücke geschrieben und zu einem Ganzen komponiert, das durch die wache Wahrnehmung der Autorin derart zusammengehalten wird, dass man ihren Reflexionen zu so unterschiedlichen Gegenständen wie den Kantaten von Johann Sebastian Bach oder einem Bild von Vincent van Gogh in der Londoner National Gallery gerne folgt und darüber vergisst, dass diese Texte schon einmal einzeln, in der NZZ, zu lesen waren.

Das beginnt mit dem mit «Fegefeuer» überschriebenen Kapitel einer typischen deutschen Kindheit in den sechziger Jahren, in dem man das Familienklima spürt, ohne zum Voyeur zu werden, da es Overath gelingt, noch im Detail das Typische herauszuarbeiten. Die Reporterin entführt uns an einen Strand auf Tahiti und auf einen riesigen postsowjetischen Warenmarkt bei Odessa. Und auch hier schafft sie es, unsere Aufmerksamkeit auf Nebenschauplätze, mithin auf das Wesentliche zu lenken.

In «Handwerk» wird schlüssig dargelegt, dass selbst eine Reportage noch zum Genre des fiktionalen Schreibens zählt, auch wenn diese Einsicht nicht ganz neu ist. In einem anderen Text erfährt man, wie sich die Autorin das Rätoromanische ihrer neuen Lebensumwelt im Unterengadin durch kreatives Schreiben mit dem Wörterbuch in der Hand beibringt. Ein weiterer Text beleuchtet erfrischend das Verhältnis von Beruf und Familie, dem Daheim und der Welt.

An Alfred Andersch und die Wichtigkeit des Rundfunks für die jüngere deutsche Literatur erinnert sich Hans Magnus Enzensberger in Anwesenheit Overaths, und wir nehmen an einer winterlichen Reise nach Holland teil. All die Texte dieses locker geknüpften Kettenbuchs leben von der Klarheit und dem subjektiven Timbre ihrer Autorin an der Nahtstelle von Reportage, fiktionaler Prosa und Journalismus.

Angelika Overath liest im Rahmen der Veranstaltung «Literatur am See» 
am Sonntag, 8. Juli 2012, um 11 Uhr auf Schloss Salem 
(bei Überlingen am Bodensee).

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