Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

«Negativ. Catastrophe»

29 SchriftstellerInnen haben ebenso viele Sans-Papiers und abgewiesene AsylbewerberInnen getroffen: «An deiner statt», ein Projekt des Netzwerks Kunst + Politik, versammelt ihre Lebensgeschichten. Zum Beispiel jene vom jungen M. aus Mazedonien.

Von Suzanne Zahnd

Ein Musikvideo flimmert über den Bildschirm. Aziz räkelt sich lasziv in seidenen Laken, ein Meister der Travestie. In Bulgarien und den umliegenden Ländern ist der Sänger ein Superstar. Nach Ausschreitungen von homophoben Schlägern bei einem seiner Konzerte in Mazedonien verkündete Aziz, er wolle niemals mehr in dieses schreckliche Land zurückkehren.

«Genau wie ich», sagt M. Anfang Juli in seiner Wohnstube im schweizerischen Mittelland. Nur: M. soll in wenigen Tagen nach Skopje fliegen, ansonsten wird er als Illegaler in Ausschaffungshaft genommen.

Mazedonien ist laut dem Schweizerischen Bundesamt für Migration ein «safe country». M. sieht das ein wenig anders. Er hat Angst vor seinem gewalttätigen Vater dort und fürchtet nebst der Homophobie auch den Rassismus. Die verschiedenen Ethnien, fast alle MuslimInnen verschiedener Ausprägung, sprechen sich gegenseitig den wahren Glauben ab. Auf der untersten Stufe der Hackordnung stehen die Roma und damit M.

Aufwachsen in der Enge

M. ist ein zierlicher, effeminierter junger Mann mit dunklen, feuchten Augen und 
enorm langen, seidigen Wimpern. Er ist 26 Jahre alt, wirkt aber gleichzeitig jünger und älter. Jünger, weil er eine sehr naive Seite hat – älter, weil sich die permanente Anspannung als Ausgestossener, der er auch hier als Asylsuchender ist, in seinem Körper niedergeschrieben hat. Seine Muskulatur ist für sein Alter ungewöhnlich steif, die Haltung gebückt, und ein Tremor lässt seine Hände beben. Vielleicht liegt es auch an den Psychopharmaka, die er seit einigen Monaten bekommt. Ein «gesunder junger Mann» sei M., steht im Asylentscheid geschrieben, weswegen nichts gegen seine Rückschaffung spreche.

In seiner ehemaligen Heimat nahe der bulgarischen Grenze gibt es kaum asphaltierte Strassen und im Sommer kein Wasser. Auf dem Hof seines Grossvaters züchten der Vater und seine zwei Brüder Schafe und bauen etwas Tabak an. Sie leben mit ihren Frauen und Kindern dort, die Verhältnisse sind äusserst beengt.

Die Familie leidet unter den Gewaltausbrüchen des alkoholkranken Vaters. M. absolviert acht Jahre Primarschule. Als er in die Oberstufe kommt, wird der mädchenhafte M. immer massiver gehänselt. Die Familie kommt deswegen unter Druck, also bricht er die Schule ab. Immer wieder wird er gefragt, ob er schwul sei. Er verneint. Im nahe gelegenen Städtchen macht er derweil heimlich seine ersten sexuellen Erfahrungen. Eine davon endet mit einer brutalen Vergewaltigung durch zwei Typen, die ihn erst höflich zum Kaffee eingeladen hatten. M. spricht mit niemandem darüber, schon gar nicht mit der Polizei, von der er nichts Gutes erwarten kann. Er schleppt sich nach Hause zurück und verleugnet weiterhin das Offensichtliche. M. geht kaum mehr aus dem Haus, weil er mittlerweile auf offener Strasse bedroht wird. Er bekommt psychische Probleme. Mit einem verheirateten Mann, der seine Homosexualität auch nicht offen leben kann, hat M. ab und an Sex. M.s Vater erwischt die beiden in flagranti im Auto. Er droht M., ihn zu töten. Dieser geht nicht mehr nach Hause. Sein Sexpartner gibt ihm etwas Geld für die Flucht.

«Unsubstantiierte Schilderungen»

Die ersten beiden Monate verbringt er in einem unterirdischen Verfahrenszentrum in Basel. Mittlerweile teilt er mit drei anderen Asylsuchenden eine vom Sozialamt finanzierte Wohnung in einer nahe gelegenen Kleinstadt. Die Sozialarbeiterinnen seien immer sehr höflich gewesen, aber seit er den negativen Entscheid habe, seien sie merklich abgekühlt.

M. spricht passabel Deutsch, was man im Alltag halt so braucht. Wenn der deutsche Wortschatz nicht ausreicht oder die Anspannung zu gross wird, fällt er in seine Muttersprache. Der Übersetzer muss oft zweimal nachfragen, um sicherzugehen, dass er alles richtig begriffen hat. Er sagt, M. sei sehr schwer zu verstehen, da sein Dialekt stark bulgarisch gefärbt sei. Auch der Übersetzer beim Interview des Migrationsamts sprach reines Mazedonisch. Es habe dieselben Verständigungsschwierigkeiten gegeben, sagt M.

Die Begründung der Ablehnung seines Asylbegehrens umfasst mehrere Seiten, auch die kann M. nicht vollumfänglich verstehen, aber die Botschaft ist klar: «Negativ. Catastrophe.» Das Dokument liest sich auch ein bisschen wie Literaturkritik. Eine «stereotype und detailarme Erzählung» habe M. beim Interview geliefert. Als ob Homophobie in zahlreichen Spielarten daherkommen würde. Als ob Vergewaltigungsopfer normalerweise nicht müde würden, das Erlittene in allen Einzelheiten zu umschreiben. «Aufgrund der unsubstantiierten Schilderungen können die Vorbringungen des Gesuchstellers nicht geglaubt werden.» Negativ, Catastrophe.

M. hatte noch nie einen Freund, dabei wünscht er sich nichts so sehr wie eine romantische, offen gelebte Liebesbeziehung. Er wolle arbeiten und das Geld dann mit seinem Freund teilen, sagt er. Ausserdem möchte er Pate von zwei Mädchen werden. Wenn er von seinen Träumen spricht, erhellt ein Lächeln sein Gesicht, und sein ganzer Körper richtet sich auf. Einen Moment lang kann man sich tatsächlich vorstellen, dass M. ein gesunder junger Mann sein könnte.

Suzanne Zahnd ist Autorin, Musikerin und Yogalehrerin in Zürich. Alle 29 Texte sind auf 
der Website von Kunst + Politik veröffentlicht: 
www.kunst-und-politik.ch.

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