Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

Sehen Sie Parallelen zu den sechziger Jahren?

Kürzlich war José B. Maluenda in der spanischen Hauptstadt, aus der er vor fünfzig Jahren in die Schweiz ausgewandert war. Mit den Auswirkungen der Krise auf den Alltag der Menschen ist er als Koordinator des Seniorenhilfeprojekts ¡Adentro! zunehmend auch in der Schweiz konfrontiert.

Von Adrian Riklin (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Absurderweise soll nun in Spanien sogar die Siesta abgeschafft werden»: José B. Maluenda, zur Siestazeit an seinem Wohnort in Zürich. Foto: Ursula Häne

WOZ: Was hat Sie in diesem Sommer in die Stadt Ihrer Kindheit und Jugend gebracht?
José B. Maluenda: Ich hatte mit Kollegen aus Deutschland und Frankreich als Teil einer Delegation des europäischen Dachverbands spanischer Migrantenvereine Termine im Ministerium für Erziehung und Soziales.

Und wie erlebten Sie die Situation in Madrid?
Auffallend ist, wie viele junge Erwachsene wieder länger bei den Eltern wohnen; auch sieht man vermehrt Menschen, die zusammen einkaufen und statt im Restaurant gemeinsam im Freien essen. Und nun will die Regierung auch noch die Siesta abschaffen. Ab September sollen Geschäfte auch zwischen 14 und 16 Uhr geöffnet bleiben.

Kommt es also wieder zu einer grösseren Zuwanderung aus Spanien in die Schweiz?
Es sieht danach aus. Seit etwa einem Jahr melden sich immer mehr junge Frauen und Männer aus Spanien beim Schweizer Büro des Dachverbands der spanischen Vereine, weil sie glauben, das sei eine professionelle Organisation, die hier Jobs vermittelt. Im letzten Halbjahr ist die Auswanderung aus Spanien im Vergleich zum ersten Halbjahr 2011 um 45 Prozent gestiegen. 270 000 Menschen in sechs Monaten! Kein Wunder bei einer Jugendarbeitslosigkeit von fünfzig Prozent.

Sehen Sie Parallelen zu den frühen sechziger Jahren, als Sie in die Schweiz auswanderten?
Auch die Zeit nach dem Bürgerkrieg war schwierig. Ich habe wie viele damals keine höhere Schulbildung genossen und schon mit vierzehn zu arbeiten begonnen. So habe ich früh meine praktischen Fertigkeiten ausbilden und Geld verdienen können. Heute aber stehen in Spanien unzählige gut ausgebildete Leute auf der Strasse, darunter viele mit Hochschulabschluss. Von solchen Fachkräften profitieren nun Länder wie Deutschland oder die Schweiz: Sie mussten ja nie etwas für die Ausbildungen bezahlen. Für viele gut ausgebildete Spanier besteht jedoch in diesen Ländern ein grosser Nachteil: die Sprache.

Darüber haben Sie im Ministerium gesprochen?
Zunächst ging es vor allem darum, dass Kinder spanischer Migranten der dritten Generation weiterhin einmal in der Woche in spanischer Grammatik, Geschichte und Geografie unterrichtet werden. Im Zuge der Sparmassnahmen ist das Angebot ja bereits reduziert worden. Ein Beispiel: Vor wenigen Jahren gab es hierzulande zwölf Agrupaciones de lengua y cultura españolas mit je einem vollamtlichen Koordinator, heute sind es, nachdem kürzlich die Stelle in St. Gallen gestrichen wurde, noch fünf: in Genf, Lausanne, Basel, Bern, Zürich. Wegen der Rückwanderung in den Jahren vor der Krise leben heute weniger Kinder von Spanisch Sprechenden in der Schweiz. Der spanische Staat verlangt aber, dass pro Schule mindestens vierzehn Kinder den Unterricht besuchen, damit er weitergeführt wird. Immerhin sollen jetzt die Grundfächer Sprache, Geschichte und Geografie weiterhin unterstützt werden.

Am heftigsten bekommen wir die Sparpolitik aber bei der Arbeit mit Senioren zu spüren. Der Tenor lautete: «Finden wir gut und wichtig – aber leider haben wir für dieses Jahr kein Geld.»

Das heisst?
Dass wir noch mehr auf Gelder von Kantonen, Gemeinden und Organisationen in der Schweiz angewiesen sind. Immerhin sind die meisten Gemeinden an unserer Arbeit interessiert. Etwa in Biel, wo wir kürzlich mit italienischen Kollegen unser gemeinsames Projekt, Migralto, vorgestellt haben. Konkret geht es immer auch darum, Formen der Solidarität innerhalb und zwischen den Generationen und Kulturen zu unterstützen und Organisationsformen zu entwickeln, die den Bedürfnissen älterer Migranten gerecht werden. Davon profitieren auch die Gemeinden. Die erste spanischsprachige Migrantengeneration soll eine aktive Rolle in einem multikulturellen Land spielen, in dem Einheimische und Zugewanderte gleichermassen Anspruch auf einen gemeinsamen sozialen Raum haben.

Nun aber suchen vor allem junge Spanierinnen und Spanier Arbeit in der Schweiz …
Wir haben den Vertretern des Ministeriums gesagt, dass wir gern auch diesen helfen würden. Wenn wir denn die Mittel dafür hätten. Es wäre nur schon eine Erleichterung, wenn uns eine professionelle Sozialarbeiterin zur Seite stünde. Die Entwicklung in Spanien beschäftigt uns derart, dass wir uns überlegen, wie wir ein neues Angebot schaffen könnten. Es melden sich ja auch ältere Menschen bei uns, die vor der Pensionierung nach Spanien zurückgekehrt sind – und nun wieder in der Schweiz arbeiten wollen.

Kürzlich habe ich in Zürich einen älteren Herrn aus Spanien getroffen, der mich fragte, wo denn hier die Oper sei. Nicht weil er eine Aufführung besuchen wollte, sondern einen Job sucht. Und am See habe ich ein Ehepaar getroffen, das in die Schweiz gereist ist, um Arbeit zu suchen. Jetzt leben sie auf einem Campingplatz. Aber selbst das kostet fast vierzig Franken pro Tag …

José B. Maluenda (75) zog 1962 aus Madrid 
in die Schweiz, wo er vierzig Jahre in der Metallindustrie arbeitete. Seit seiner Pensionierung im Jahr 2002 engagiert er 
sich von Zürich aus ehrenamtlich als 
Koordinator und Leiter im Projekt ¡Adentro! 
zur Verbesserung der Lebensbedingungen Spanisch sprechender MigrantenseniorInnen 
in der Schweiz.

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