Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

Im Auftrag der Agrarmultis

Sieben Wochen nach dem Putsch in Paraguay ist klar, was zur Absetzung des Präsidenten Fernando Lugo führte: Jedenfalls ging es nicht um die kleine Schiesserei auf einer besetzten Farm.

Von Gerhard Dilger

Der Putsch hat Walter Lezcano seine Stelle als Inspektor der paraguayischen Behörde für Pflanzenqualitätskontrolle und Saatgutschutz (Senave) gekostet. Bis vor kurzem hatte der engagierte Agraringenieur versucht, auf dem Land für die Einhaltung der Gesetze zu sorgen – etwa bei der Besprühung von Gensojaplantagen mit dem Monsanto-Herbizid Roundup. In der südöstlichen Provinz Itapúa leitete er ein Team von acht Inspektoren. Er liess illegale Genmaisfelder zerstören, beschlagnahmte geschmuggeltes Saatgut und setzte sich als Mitglied der kleinen Linkspartei Bewegung zum Sozialismus für die Rechte der Landlosen ein.

Doch dann wurde Präsident Fernando Lugo am 22. Juni von der konservativen Senatsmehrheit wegen «schlechter Amtsführung» abgesetzt. Vorwand war eine Schiesserei: Bei der Räumung einer von Landlosen besetzten Farm in der nordöstlichen Gemeinde Curuguaty starben elf Kleinbauern und sechs Polizisten. Zwei Monate lang hatten sechzig Landlose die weitläufige Farm des Unternehmers und Politikers Blas Riquelme besetzt gehalten, eines Parteifreunds des langjährigen Diktators Alfredo Stroessner, der ihm in den siebziger Jahren 50 000 Hektaren Land zugeschanzt hatte.

Für das Blutbad machten die ParlamentarierInnen ausgerechnet Lugo verantwortlich – jenen fortschrittlichen Exbischof, der 2008 dank seines Rückhalts auf dem Land gewählt worden war und damit die 61-jährige Herrschaft von Stroessners und Riquelmes Colorado-Partei beendet hatte. Wahrscheinlich gehen die toten Polizisten auf das Konto von Scharfschützen. Jedenfalls verhindern die neuen Machthaber bislang eine unabhängige Untersuchung und warten mit einer abenteuerlichen Theorie auf. Lugo-Nachfolger Federico Franco schreibt das Massaker einer Phantomorganisation namens Paraguayisches Volksheer zu, die er als «ausführenden Arm» der kolumbianischen Guerilla Farc bezeichnet. Franco wird von sämtlichen Regierungen Südamerikas geächtet. Uruguays Präsident José Mujica etwa sieht den «Narcocoloradismo» hinter dem Putsch, also die Allianz zwischen traditioneller Politik und Drogenmafia.

Die Gentechoffensive

So abenteuerlich die Begründung für den unblutigen Parlamentsputsch ist, so wenig Zweifel bestehen am neuen Regierungskurs: Innerhalb kurzer Zeit warfen Francos Getreue über 2000 Lugo-SympathisantInnen aus dem Staatsdienst. Allein in der Pflanzenschutzbehörde Senave wurden 170 Angestellte entlassen, über zwei Drittel der Belegschaft. «Zuvor hat man uns unsere zwei Pick-ups und das Motorrad abgenommen», sagt Walter Lezcano. «Damit waren wir praktisch handlungsunfähig.» Zum neuen Senave-Chef berief Franco Jaime Ayala, zuvor Direktor und bis heute Aktionär des Pestizidunternehmens Pacific Agroscience. Kaum im Amt, gab Ayala grünes Licht für den Einsatz der Monsanto-Gentechbaumwolle vom Typ MON531-Bollgard. Gegen deren Zulassung hatte sich sein Vorgänger erfolgreich gewehrt, was dem Lugo-Mann eine monatelange Medienkampagne unter Führung der grossen Tageszeitung «ABC Color» eintrug; das Blatt gehört der Zuccolillo-Gruppe, einer Partnerin des US-Agrarmultis Cargill.

«Das neue Monsanto-Saatgut richtet sich gegen uns Kleinbauern», sagt Jorge Galeano von der Volksagrarbewegung Map. «Es wird zusammen mit speziellen Herbiziden verkauft; das widerspricht unserem Konzept der Agrarsouveränität.» Ausserdem sei es nur für den Einsatz auf grossen, mechanisierten Plantagen geeignet: «Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung werden zunehmen.» Senave-Chef Ayala sieht das natürlich anders: Da die Gentechbaumwolle nicht von Menschen verzehrt werde, gebe es keine Gesundheitsrisiken.

Unter der Putschistenregierung hat die Agrarlobby also freie Bahn. Schon während Lugos Amtszeit war es den grossen LandbesitzerInnen – darunter Zehntausende «Brasiguayos», bereits lange in Paraguay ansässige brasilianische SojafarmerInnen – gelungen, die von vielen erhoffte Agrarreform zu blockieren. Doch immerhin wollte der linke Staatschef die Steuern auf Sojaexporte von drei auf zwölf Prozent erhöhen – die Exporte machen ein Zehntel des Bruttoinlandsprodukts aus. Davon ist nun keine Rede mehr. Dafür will Franco dem internationalen Multi Rio Tinto Alcan ein riesiges Aluminiumwerk genehmigen.

Land Grabbing

Paraguay ist der weltweit viertgrösste Sojaproduzent, zwei Drittel des Exports gehen nach Europa. Die riesigen Felder mit den proteinhaltigen Bohnen machen bereits drei Viertel der gesamten Nutzfläche aus, die selbst für lateinamerikanische Verhältnisse obszön ungleich verteilt ist: 2,5 Prozent der Landbesitzenden kontrollieren 85 Prozent des Bodens, während noch immer an die 90 000 Landlosenfamilien in Camps an Strassenrändern ausharren.

Im Norden des südöstlichen Departements Itapúa zum Beispiel erstrecken sich Dutzende Bretterbuden entlang einer gut geteerten Schnellstrasse. Einige sind mit der rot-weiss-blauen Nationalfahne geschmückt, dahinter ein Schulgebäude mit drei engen Klassenzimmern und ein Fussballfeld. Etliche der 130 Familien an diesem Strassenabschnitt leben seit dreizehn Jahren hier. Direkt an die Hütten grenzt das 2500 Hektaren grosse Anwesen eines Brasiguayo. «Er hat sich seine Landtitel betrügerisch erschlichen», sagt Aurelio Bustamante, der Sprecher der Siedlung. Über den Besitz des Landes wird seit Jahren juristisch gestritten; wie der Colorado-Politiker Riquelme soll der Sojafarmer das Land noch während der Stroessner-Diktatur (1954–1989) von korrupten Beamten zugesprochen bekommen haben.

Die riesigen Monokulturen haben fatale Folgen für die Artenvielfalt und die Gesundheit der Landbevölkerung. Weil das Unkraut zunehmend resistent wird, versprühen die Agrarunternehmer inzwischen schätzungsweise zwanzig Millionen Liter Roundup (oder dessen chinesische Billigimitate) pro Jahr. Die Schwaden und Rückstände vergiften Obst- und Gemüseäcker, Tiere und Menschen.

In den letzten dreissig Jahren haben in Paraguay Soldaten und Paramilitärs fast 100 000 KleinbäuerInnen und Landlose von ihrem Land vertrieben; über hundert ihrer SprecherInnen wurden ermordet, 2000 BäuerInnen sind wegen Widerstands gegen die Sojaindustrie angeklagt. Dennoch geben die Menschen nicht klein bei. Wie der gefeuerte Präsident Lugo bereitet sich auch der geschasste Saatgutinspektor Lezcano auf die Wahlen im April 2013 vor – er will für das Linksbündnis Frente Guasú ins Abgeordnetenhaus einziehen. «Unsere Strategie des friedlichen Widerstands könnte aufgehen», sagt er; die Bevölkerung sei misstrauischer denn je. Auch Lugo, der als Kopf der Nationalen Front zur Verteidigung der Demokratie durch das Land zieht, gibt sich zuversichtlich: «Die Linke war noch nie so gut in Form. Zwölf Parteien und acht Bewegungen ziehen an einem Strang.»

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