Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

Phantombilder aus der Vogelwelt

Die Zwergohreule (Otus scops) wird zwanzig Zentimeter gross und hat eine Flügelspannweite von fünfzig Zentimetern. Ihr kurz geflötetes, aber ausdauernd wiederholtes «Gjugh» bekommt kaum jemand zu hören. Vor einigen Jahren stand sie kurz vor dem Aussterben. Dank eines Förderprogramms konnte bislang ein Bestand von zwölf bis fünfzehn Paaren im Wallis erhalten werden.Seit den fünfziger Jahren ist der Lebensraum für Brutvögel in der Schweiz massiv geschrumpft. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft sind vor allem im Flachland viele Magerwiesen verschwunden. Kulturland fiel Einzonungen zum Opfer – es wurde so viel gebaut wie nie zuvor. Heute zerschneiden neue Strassen die Landschaft, Flüsse sind eingedämmt und Feuchtgebiete trockengelegt.Der in Altdorf aufgewachsene Luca Schenardi war schon als Kind von der Vogelwelt fasziniert. In den späten achtziger Jahren traf man ihn oft im Urner Reussdelta, das damals renaturiert wurde. Der Fluss war um 1860 korrigiert worden und führte fortan fadengerade in den Vierwaldstättersee. Nun mäanderte er wieder, und es entstanden Nischen für Brutvögel. Die Vielfalt nahm langsam, aber stetig zu. Schenardi begann mit elf Jahren, die Veränderungen zu dokumentieren – als ehrenamtlicher Mitarbeiter für die Vogelwarte Sempach.In den vergangenen drei Jahren hat er an seinem Buch «An Vogelhäusern mangelt es jedoch nicht» gearbeitet. Der zwischen Altdorf und Luzern pendelnde Künstler und Illustrator forschte dazu in naturhistorischen Museen nach Präparaten von gefährdeten und verschwundenen Vögeln und fotografierte sie aus verschiedenen Blickwinkeln. Diese Fotos dienten ihm als Vorlagen für seine «Phantombilder». 46 Vögel hat er in akribischer Arbeit digital gezeichnet. Zu jedem verfasste er einen «Steckbrief» mit den Eckdaten.In Schenardis Buch sind aber auch die unberührten Landschaften zu sehen, die Vögel zum Leben brauchen. Sie kontrastieren mit seinen fantasievoll-bissigen Zeichnungen, mit Fotomontagen aus dem Vogelhausalltag und mit den konsumkritischen Collagen. Seine Bilder und die begleitenden Texte von verschiedenen Autoren zeigen eindringlich, was wir verlieren, wenn Eisvogel, Ziegenmelker, Wendehals, Wachtelkönig, Dorngrasmücke und Flussregenpfeifer ihre Gesänge nicht mehr erklingen lassen.
Von Fredi Bosshard

Die Arbeiten von Luca Schenardi sind zwischen dem 5. und 23. Oktober 
in der Zürcher Galerie Grenacher und im Kunstraum R 57 ausgestellt. www.lucaschenardi.ch
Erschienen bei: www.editionpatrickfrey.com

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