Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Unter Rindviechern

Beim Betrachten der Rinder, die so lieblich auf der Weide herumstanden und derart Sinn erheischend in die Welt blickten, dass es ihn an seine Jugend gemahnte, verlor Unternährer einen Augenblick die Übersicht und verknickknackte sich mit hässlichem Geräusch den linken Knöchel. Da lag er nun im sumpfigen Weidland. Die Blicke der Rinder richteten sich auf ihn, sie schüttelten unverständig die Köpfe, denn sie waren überzeugt, dass Fehltritte mit Anmut und Eleganz ausgebügelt werden sollten. Unternährer aber wusste, dass in diesem Moment eine erfolglose Bergwandererkarriere zu Ende ging. Er schleppte sich unter Schmerzen zum Hospiz, wo man ihm das Bein absägte.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen.

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