Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Ist die Lehrerin eine Drogendealerin?

Sind Computer, Smartphone und Tablet «Lernverhinderungsmaschinen»? Ein neues Sachbuch bedient die Angst analoger Eltern vor den Gefahren der digitalen Welt für ihre Kinder.

Von Franziska Meister

Eines kann man dem deutschen Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer nicht absprechen: Er ist ein brillanter Vermarkter seiner Thesen – ob in der eigenen Sendung «Geist und Gehirn» auf dem Bildungskanal des Bayrischen Rundfunks oder als Autor. Kaum liegt sein neustes Buch «Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen» in den Verkaufsregalen, führt es bereits die Bestsellerlisten an. In deutschen Feuilletons und Internetforen wird heftigst darüber debattiert. Denn einmal mehr zeigt sich Spitzer mit steilen Thesen als Meister der Popularisierung. In «Digitale Demenz» verkündet er, Computer, Smartphone und Tablet taugten nicht zum Lernen – im Gegenteil: Sie seien «Lernverhinderungsmaschinen», die dumm, dick und depressiv machten.

Missionarischer Eifer

Spitzer führt zahlreiche wissenschaftliche Studien an – natürlich vor allem jene, die seine Überzeugung stützen – und scheut sich nicht zu polemisieren. Das kann, wenn es tatsächlich als Streitkunst daherkommt, durchaus zu fruchtbaren Diskussionen und Erkenntnissen führen. Allein, beim Lesen von «Digitale Demenz» sieht man sich statt mit einer stringenten eher mit einer verschwörungstheoretischen Argumentation konfrontiert. Sie gipfelt unter anderem in der Behauptung, wer digitale Medien in der Volksschule einsetze, fixe junge Menschen mit einer gefährlichen Suchtdroge an. Die Lehrerin als Dealerin?

Auch Eltern entgehen Spitzers missionarisch-moralinsaurer Anklagerhetorik nicht. «Wenn Sie also wirklich wollen, dass Ihr Kind in der Schule schlechtere Leistungen erbringt und sich künftig weniger um Sie als auch um seine Freunde kümmert», so der Mahnfinger, «dann schenken Sie ihm doch eine Spielkonsole! Sie leisten damit zugleich einen Beitrag zu mehr Gewalt in der realen Welt.» Mit geradezu sadistischer Lust bedient der Psychologe immer wieder die Ängste von analog aufgewachsenen Eltern, die mit der digitalen Welt ringen. «Computergestütztes Lernen gibt es insofern, als man sich durch Ballerspiele eine Aufmerksamkeitsstörung aneignen kann.»

Fundament solcher Aussagen ist Spitzers umstrittene Überzeugung, das Gehirn funktioniere wie ein Muskel und lasse sich entsprechend mit Lernen trainieren. Wird es hingegen nicht benutzt – etwa, weil man sich von Computern, Smartphones und andern Denkmaschinen die geistige Arbeit abnehmen lässt –, verkümmert es. Die Hirnforschung liefert durchaus Hinweise darauf, dass Kinder anders lernen als Erwachsene und digitale Medien mitunter dazu führen können, dass Lernen nur noch oberflächlich erfolgt und das Gelernte zu wenig tief im Gehirn verankert wird. Etwa, wenn ErstklässlerInnen Buchstaben nicht mehr von Hand schreiben lernen und üben, sondern via Tastatur eintippen: Weil die zusätzliche motorische Gedächtnisspur fehlt, sind die Kinder später schwächer im Lesen.

Leere Polemik

Doch braucht es deswegen gleich die digitale Abstinenz im Schulzimmer und zu Hause, wie sie Spitzer mit Verweis auf solche Studien predigt? Lässt sich aufgrund dieser Erkenntnisse nicht didaktisch gegensteuern? Nein, wehrt Spitzer kategorisch ab – obwohl er sich als Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm vor allem mit Neurodidaktik beschäftigt. Medienkompetenz zu fördern, sei wirkungslos: «Was würden Sie sagen, wenn jemand das Training von Alkoholkompetenz im Kindergarten oder als Schulfach einführen würde?»

Mit seiner polemischen Abrechnung trägt Spitzer nichts bei zur tatsächlich eminent wichtigen Debatte rund um die Frage, wie Handy, Internet, iPod und iPad didaktisch sinnvoll zum Lernen einsetzbar sind. Schade.

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