Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Lachen in Prag vor hundert Jahren

Von Adrian Riklin

Unlängst sind zwei Bücher erschienen, die sich mit dem Humor im Werk von Franz Kafka (1883–1924) beschäftigen. Das ist ernsthaft zu begrüssen. Allzu lange wurde der Dichter als humorloser Prosaist missverstanden. Wo er doch in so vielen Texten überwältigenden Sinn für das Komisch-Absurde zeigt.

Kafkas Humor ist nicht sehr oberflächlich, stets lauert das Unheimliche hinter der Strassenecke, manchmal vor der Haustür. Er lässt sich kaum aus dem Zusammenhang reissen. Dessen ungeachtet wird aus seinem Opus zitiert und seziert, was das Zeug hält. Posthum müssen Kafka und sein Werk für alle erdenklichen Projektionen herhalten.

Die Kafka-Forschung jedenfalls läuft auf Hochtouren. Zuweilen ist das ziemlich kafkaesk. Über seine sexuelle, religiöse und politische Orientierung wird seit Jahren in psychoanalytischen, historischen und germanistischen Seminaren spekuliert. Litt er am Ende, wie der Historiker Saul Friedländer vermutet, unter «pädophilen Fantasien»?

Der neuste Stand der Kafka-Exegese war dieser Tage in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» zu lesen. Am Beispiel des virulenten Briefverkehrs, den Kafka vor nunmehr hundert Jahren von Prag aus mit der in Berlin lebenden Felice Bauer begann, wird aufgezeigt, dass der Schriftsteller seiner Zeit auch kommunikativ um Jahrzehnte voraus war: «Wenn es die Echtzeitkommunikation und das Internet nicht schon gäbe – nach den Bedürfnissen und Träumen des Prager Nerd-Vorläufers könnte man sie entwickeln.»

Was wohl Kafka dazu sagen würde? Felice Bauer schrieb er im Januar 1913, wie er bei seiner Beförderung durch den Präsidenten der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt ob dessen gottähnlicher Autorität einen fürchterlichen Lachanfall bekommen habe. ZeitzeugInnen berichteten, wie Kafka und seine Freunde sich bei Lesungen im engsten Kreis vor Lachen gekrümmt haben sollen. Ja, vielleicht würde Franz Kafka einfach nur unheimlich lachen.

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