Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Glaubwürdig Funken schlagen

Von Valentin Schönherr

Von 1980 bis Anfang der neunziger Jahre durchlebte – durchlitt – Peru einen Bürgerkrieg zwischen der Untergrundarmee «Leuchtender Pfad» und den Regierungstruppen, in dem knapp 70 000 Menschen ums Leben kamen. Den 1977 in Lima geborenen und in den USA aufgewachsenen Schriftsteller Daniel Alarcón lässt dieses Thema nicht los. Sein erfolgreicher Roman «Lost City Radio» (2008) spielt in der bleiernen Diktatur eines ungenannten lateinamerikanischen Landes, in der ein kurz zuvor beendeter Bürgerkrieg totgeschwiegen werden soll. Auch im neuen Erzählungsband «Stadt der Clowns» sind viele Figuren direkt in den Krieg verwickelt, andere wirken wie imprägniert von Gewalterfahrungen, sind enttäuscht vom ausgebliebenen Aufbruch nach dem Kriegsende, oder sie suchen Orientierung in der globalisierten Welt.

In der Erzählung mit dem Titel «Peru, Lima, den 28. Juli 1979» tötet ein Junge mit seiner Gang schwarze Hunde, um sie, versehen mit kämpferischen Botschaften, an Laternen aufzuknüpfen. Die Jungen verstehen das als revolutionären Akt: «Wir liessen die Hunde hängen, die Menschen sollten sehen, welcher Fanatismus in uns steckte.» Alarcón bettet diesen spektakulären, damals vielfach wiederholten Akt linker Gruppen erzählerisch ins Davor und Danach ein, er reflektiert es. «Mittlerweile ist klar, dass wir niemanden sehr verängstigten, sondern die Leute eher verärgerten … Die Angst kam später.» Später: als der «Leuchtende Pfad» anzugreifen begann.

Alarcón schlägt Funken nicht mit Dramatik, sondern mit glaubwürdig geschilderten politischen, sozialen oder ganz einfach menschlichen Konflikten. Wenn ein Guerillero seiner Frau verspricht, nicht mehr zu seiner Einheit zurückzugehen, sondern bei ihr und dem Neugeborenen zu bleiben, oder wenn auch die Ärmsten der Armen perfide Bosheiten verüben, dann liegt nicht auf der Hand, wie die Sache ausgeht. Glücklicherweise neigt der Autor nicht zu simplen Lösungen.

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