Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Ein Opportunist, und erst noch reaktionär bis zum Schluss

Noch 2006 wollten die SBB einen Zug nach ihm benennen. Ein Buch über den Thurgauer Schriftsteller Alfred Huggenberger räumt nun mit dem Bild vom harmlosen «Bauerndichter» auf. Der suchte mit allen Mitteln den Erfolg.

Von Jochen Kelter

Von den drei bekannten Thurgauer Persönlichkeiten, dem Pfarrer und Politiker Thomas Bornhauser, dem Maler Adolf Dietrich sowie dem Schriftsteller Alfred Huggenberger (1867–1960), sei nur Letzterer in Vergessenheit geraten und wenig erforscht, schreibt die Thurgauer Regierungsrätin Monika Knill-Kradolfer im Geleitwort dieses Buchs. Der Anstoss zur Biografie der Kulturjournalistin und WOZ-Autorin Rea Brändle und des Historikers Mario König über den Ostschweizer «Bauerndichter» kam allerdings bezeichnenderweise nicht aus dem Kanton, sondern von den SBB. Eine für Dezember 2006 geplante Taufe eines ICN-Zugs auf den Namen Huggenberger wurde wegen dessen ungeklärten Beziehungen zum deutschen Nationalsozialismus abgesagt. Im Oktober 2008 beschloss die Thurgauer Regierung, sein Werk und seine Biografie wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Und im Juni 2012, nach nur zweieinhalbjähriger Forschungsarbeit, stellten die beiden AutorInnen das Ergebnis in Frauenfeld vor.

Kein Naturtalent

Entstanden ist ein über 400 Seiten starkes, grossformatiges, wohlrecherchiertes, bebildertes Werk mit einem ausführlichen Anhang, das zwar den Wert von Alfred Huggenbergers literarischem Nachlass nicht abschliessend klärt, aber die allermeisten biografischen Lücken schliesst. Vor allem beseitigt es jeden Zweifel an Huggenbergers Weltanschauung, politischer Gesinnung und seinen Verbindungen mit dem Naziregime.

Die AutorInnen räumen vorab auf mit dem Bild vom Naturtalent und Aussenseiter, der erst spät entdeckt wurde. Sie zeigen, dass Huggenberger ein ehrgeiziger junger Autor war, der, nicht zuletzt bei deutschen Verlagen, seine Karriere systematisch plante und vorantrieb. Und er wollte keineswegs nur der «Dichter der Scholle» sein, zu dem ihn seine VerehrerInnen schon bald und zeitlebens verklärten. Er stand vielmehr in der Tradition des schweizerischen literarischen Realismus und schrieb deshalb über ein Milieu und eine Welt, die er kannte. Er las viel und eignete sich, obschon er lediglich die obligatorische Dorfschulzeit absolviert hatte, eine flüssige Sprache und die branchenüblichen Fachbegriffe an. Anders als viele AutodidaktInnen schrieb er nicht aus Seelennot und aus seinen Erfahrungen, sondern aufgrund seiner Lektüre, der Bücher, denen er nacheiferte, um ein erfolgreicher Autor zu werden. Zum Verkannten im eigenen Land stilisierte er sich selber, entgegen den Tatsachen, und seine früheren Biografen übernahmen die Legende unbesehen.

Als arrivierter Schriftsteller scheint Huggenberger äusserst empfindlich auf jegliche Kritik reagiert zu haben. Ihm fehlte, da er auch unfähig zu engeren Freundschaften war, mit der Zeit ein kompetenter und kritischer Begleiter, eine Gegenleserin, ein Lektor. Seine Texte schrieb er immer wieder um, um sie mehrfach kommerziell zu verwerten; nicht nur Prosa und Lyrik: Huggenberger dilettierte auch auf Gebieten, die ihm wenig vertraut waren, Kinderliteratur, Mundartdichtung, Arbeiten fürs Radio, schnell hingeschriebenen Theaterstücken, Mischformen aus Mundart und Schriftdeutsch.

Mit seinen Verlegern, zumal bei den beiden Verlagen Huber (Frauenfeld) und Sauerländer (Aarau), ging er relativ skrupellos um, war fixiert auf den deutschen Markt und verbaute sich so nach dem Zweiten Weltkrieg etliche Chancen im eigenen Land. Ohne eine abschliessende Wertung seines Werks vorzunehmen, resümieren Brändle und König: Nur eine schmale Werkausgabe (ein Roman, ein halbes Dutzend Erzählungen, ein paar Gedichte, ein Mundartstück) wäre es, «die weitere Beachtung verdiente».

Vorlesen in Nazideutschland

Skrupellosigkeit sowie eine Fixierung auf Deutschland begegnen uns auch in Huggenbergers politischen Haltung wieder. Politisch erhärten die AutorInnen die Mutmassungen, die über Huggenberger in Umlauf waren: Rechtsbürgerlich (aus heutiger Sicht stockreaktionär) war er bereits früh, deutschfreundlich gegen das «perfide Albion» (Britannien) und Frankreich schon während des Ersten Weltkriegs. Er stritt sich darüber mit seinem Landsmann, Nobelpreisträger Carl Spitteler, der zu Mässigung und Neutralität aufrief. Nach dem Krieg war er Ortsvorsteher und sass für die Freisinnigen zwölf Jahre im Thurgauer Kantonsparlament. Er verkehrte und verbandelte sich mit allerlei rechtskonservativen Zirkeln, Bünden und Schweizer «Frontisten». Die grosse Gefahr sah er im Kommunismus, nicht im aufkommenden Faschismus. Warum auch hätte er sich anders verhalten sollen als seine rechtskonservativen MitbürgerInnen, Politiker, Militärs, Wirtschaftsführer?

Konzentrationslager sowie politische und Judenverfolgungen, von denen man in der Schweiz wusste, liessen ihn kalt; ihn interessierten allein kommerzieller Erfolg und Ansehen. Er nahm von den Nazis zwei Literaturpreise entgegen und reiste selbst während des Kriegs immer wieder zu Lesetourneen nach Deutschland, zuletzt 1942 ins besetzte Elsass. Nach dem Krieg wurde er entgegen seinen Befürchtungen keineswegs zur Rechenschaft gezogen. Nach seinem Tod im Jahr 1960 wurde es dann zeitbedingt rasch still um den «Bauerndichter» aus dem Thurgau.

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