Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Nachrichten aus der ausserurbanen Welt

Daniel Mezger beleuchtet in seinem Prosadebüt das Land als Projektion von StädterInnen, denen so mancher Sinn abhandengekommen scheint.

Von Lennart Laberentz

Der erste Satz ist Programm: «Wir spielen Land.» Wie einzelne Gewichte an einem Mobile balancieren im Prosadebüt des 34-jährigen Schweizer Dramatikers, Schauspielers und Musikers Daniel Mezger die drei Themen – das «Wir», das «Spielen» und das «Land» – an einer zierlichen Stange.

«Wir» ist ein schöner Kniff: Zunächst sind damit Vater Moritz, Mutter Vera und drei Kinder gemeint; gleichzeitig ist es ein Pluralerzähler, der hübsch die Perspektive wechselt, häufig als Kindergruppe auf die Erwachsenenwelt schaut und gelegentlich die Familie vertritt.

Das Wir ordnet die Figuren, «spielen» stellt die Verbindung her: Zwar will die Familie auch ernst genommen werden, aber sie beteiligt sich an etwas, was ihr fremd ist, und bewahrt schon deshalb eine gewisse Distanz – zum «Land», in das die Familie gezogen ist, weil sie wieder werden will, was ihr in der Stadt abhandengekommen ist: «Wir wollen Wir sein, wollen wir bleiben, das ist die Regel Nummer eins des Landspiels.»

Wechselnde Blickrichtungen

Kaum ein Topos ist in den letzten Jahren so gründlich bearbeitet worden wie die Stadtflucht. In der Sachbuchgrabbelkiste stapeln sich Titel von Moderatorinnen und Selbsterfahrungsfeuilletonisten, in der Literaturecke Kindheitserinnerungen von PunkrockerInnen. In auflagestarken Magazinen wird das Land zur Projektionsfläche verkitscht: Wir schauen aufs Land mit dem Manufactum-Katalog unterm Arm. Schon Robert Walser lässt 1907 den Helden der «Geschwister Tanner» schwärmen: «Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen leichter, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles Misstrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben als in der gedrängten Stadt …»

Mezger aber geht es primär um die Familie. Den Fliehkräften der Stadt wollte sie entfliehen, wenn die Vorstellungen über das erwachsene Leben unerfüllt bleiben. Mezgers Text zielt auf die Suche nach Sinnmärkten, die Antworten auf den angeblichen Mangel an Lebenssinn feilbieten: Wenn es Yoga nicht mehr richtet, müssen wir wohl ein Landhaus sanieren.

Es ist ein wenig, wie Landleben vielleicht sein kann: Viel passiert nicht. Und so bleiben die Krisen hausgemacht, aus den Figuren wird nicht so recht, was sie versprechen und von sich selbst erwarten: Vera schweigt, die Kinder machen das Ihre, und so muss sich Vater Moritz an der selbstgewählten Utopie festhalten: «Hier auf dem Land ist es anders, hier ist das gute Leben, hier ist es richtig, hier hat man alles. Ausser eine Entschuldigung fürs Unglücklichsein.»

Leben im Konjunktiv

Dabei ist es Moritz, der die Dinge auf die Probe stellt. Für die Frau des Dorflehrers lässt er die Arbeit ruhen. Dabei stehen die Hintergedanken im Vordergrund. Und so steigen sie durch Wald und auf Hügel; doch statt von dort aus auf ihr Leben hinabzuschauen, wollen sie lieber mit- und zueinander. Die Hände aber, die aneinandergeraten, die Gliedmassen, die sich verschränken, bleiben im Konjunktiv. Grossartige Momente sind das, die wir hier durchleben, der Konjunktiv wird zum Irrealis.

Und so ist «Land spielen» mehr Novelle als Roman, eine Erzählung über Illusionen und die Kraft, die von diesen ausgeht – und sich letztlich gegen die Illusionierenden wendet: Als Moritz die Frau des Dorflehrers in den psychischen Ruin treibt, tosen wir durch diesen wie ein wilder Strom, alle Ordnung ist aufgehoben.

Allerdings wird die Erzählung auch von holzschnittartigen Gestalten bevölkert, alte FreundInnen kommen zu Besuch und bleiben lieber bei ihrer Reihenhausherrlichkeit. Sogar der trinkende Pfarrer lässt durchblicken, dass Moritz wohl der Einzige ist, der sich die schöne Sicht aufs Land bewahrt – den Bauern geht es an den Milchpreis und den Kragen. Leider aber drängt sich nichts auf, das über die Erzählung hinausweist. Das Einzige, was meist wunderschön klimpert, ist Daniel Mezgers Sprache.

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