Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Mitten in einer Fuge

Von Eva Pfister

Was genau Starpianist Marek Olsberg dazu bringt, kurz vor Ende von Beethovens «Hammersonate» sein Konzert in der Berliner Philharmonie abzubrechen, erfahren die LeserInnen von Alain Claude Sulzers Roman nicht. Vielleicht das diffuse Unbehagen angesichts der Routine, auf der das Virtuosendasein des fast Fünfzigjährigen gründet? Wichtiger ist Sulzer, die Auswirkungen zu zeigen, die solch ein Ereignis auslösen kann. Es geht also weniger um Olsberg selbst; sein Ausstieg mitten in einer Fuge ist der Katalysator für die Geschehnisse von «Aus den Fugen».

Die Hauptrollen spielen die Nebenfiguren: Olsbergs Agent, dessen junger Freund, seine Sekretärin, verschiedene Konzertbesucherinnen, ein Kellner, der für den Empfang beim Sponsorenehepaar engagiert wurde, ein Werber, der sich entschliesst, das Konzert doch nicht zu besuchen und mit seiner Begleiterin vom Escortservice lieber essen zu gehen; sie alle werden skizzenhaft präsentiert, und sie alle werden durch Olsbergs Ausstieg aus der Bahn geworfen. Für die einen ist dies eher tragisch, für andere ist es belebend, bedeutet es doch eine Chance, festgefahrene Lebensbahnen zu verlassen.

Es ist ein leichtes Buch, die Geschichten sind zum Teil sehr amüsant, aber sie führen nicht zu jener Tiefgründigkeit, die in Sulzers Roman «Zur falschen Zeit» so fesseln konnte, in dem der Sohn der Homosexualität des verstorbenen Vaters auf die Spur kommt. Schwule Beziehungen sind hier zwar auch «aus den Fugen», aber ebenso das sexuelle Leben der Heteros, der verlassenen Ehefrauen oder des supercoolen Edelfreiers. Das Buch ist vor allem ein satirisch angehauchtes Porträt der Berliner Kulturwelt, von der jungen Frau, die desinteressiert mit der Tante ins Konzert geht, bis zur Sponsorengattin. Um in der Begriffswelt der Musik zu bleiben: keine tragische Symphonie, sondern eine humorvolle Etüde.

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