Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Philosophie mit Kirschen

Texte aus dem Nachlass von Günther Anders über Hannah Arendt, seine ehemalige Frau, zeugen von einer komplexen Beziehung.

Von Stefan Howald

So sieht Nähe (Liebe) aus und Entfernung (enttäuschte Liebe). 1985 hat Günther Anders, damals 82-jährig, seiner 1975 verstorbenen ehemaligen Ehefrau Hannah Arendt Dialoge nachgeschickt, voller Zärtlichkeit über die Beziehung, voller Trauer, warum sie nicht dauern konnte, mit einiger Rechthaberei, weshalb Arendt bei ihm hätte bleiben müssen. Daraus ist jetzt ein wunderschönes und melancholisches Buch geworden.

«Die Kirschenschlacht», so sein Titel, enthält drei aus dem Nachlass veröffentlichte Texte: Der erste, kurze, «Zur Erinnerung an Hannah», gibt den Ton vor, wenn sich Anders, noch nach 55 Jahren bezaubert, an den «grünäugigen Ghettoblick der Verwunderung» von Arendt erinnert. In den längeren Texten «Monaden» und «Die Irrelevanz des Menschen» beschwört er die Gespräche des jungen Paars 1930 herauf. Dabei umspielt er die Geliebte beim gemeinsamen Kirschenessen mit philosophischen Reflexionen. Es sind Dialoge, oder eher Monologe mit gelegentlichen Einwürfen, zu einer radikalen Anthropologie. Schonungslos werden jene Mittel entlarvt, mit denen wir Menschen uns eine besondere Rolle im Universum anmassen. Anders erklärt sich dabei nicht bloss zum Atheisten, sondern zum «Akosmisten». Es gebe keine Verbindung unter den Dingen, da «der Mond z. B. nichts von den Kirschen hier weiss». Die Schönheit seiner Frau und die Liebe lassen ihn vor Emotionen glühen, während er entwickelt, wie die Menschen als Monaden durchs Weltall irren, als «unauffindbare Weltbrösel».

Überschattete Beziehung

Anders und Arendt waren, was man heute ein «power couple» nennen würde. Anders, 1902 als Günther Stern geboren, studierte in Freiburg im Breisgau und schloss früh bei Edmund Husserl ab. Arendt, Jahrgang 1906, studierte in Marburg und Heidelberg bei Martin Heidegger und Karl Jaspers. Nach kurzer Bekanntschaft heirateten sie 1929. Von Beginn an war die Beziehung überschattet von der – von aussen unverständlichen – Liebe der jüdischen, liberalen Arendt zu ihrem siebzehn Jahre älteren, unbezweifelbar verheirateten, sich mit den Nazis einlassenden Philosophielehrer Martin Heidegger.

Nachdem das Ehepaar 1933 ins Exil vertrieben worden war, trennten sich die beiden 1936. Anders reiste im selben Jahr in die USA, Arendt blieb vorerst in Paris und ging dann 1941 mit ihrem zweiten Ehemann, Heinrich Blücher, ebenfalls in die USA.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide etwa zur gleichen Zeit in einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, mit parallel angelegten Arbeiten, aber auf weit entfernten Bahnen. 1955 veröffentlichte Arendt ihr grosses Werk «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», ein Jahr später Anders sein Hauptwerk «Die Antiquiertheit des Menschen». Beide griffen philosophisch und politisch weit aus; beide aktualisierten ihre Zeitkritik einige Jahre danach. Anders wurde zum frühen Protagonisten der Antiatombombenbewegung, veröffentlichte 1959 einen Briefwechsel mit Claude Eatherly, einem der Piloten, die die Bombe über Hiroshima abgeworfen hatten, und im gleichen Jahr ein «Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki». Arendt errang 1963 Weltruhm mit ihrer Studie des Prozesses gegen den Nazi-Verwaltungsmassenmörder Adolf Eichmann: «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen». Beide setzten sich dabei mit der modernen Technologie und deren verheerenden Auswirkungen auseinander – unter unterschiedlichen Gesichtspunkten, wie Christian Dries in einem Essay im vorliegenden Band anführt: «Das Paradigma für Arendt ist das Lager, das Paradigma für Anders ist die Atombombe.» Dass Arendt ihren Ex-Ehemann überflügelte und zur transatlantischen Berühmtheit wurde, hing mit den Zeitumständen zusammen. Im Kalten Krieg wurde die Totalitarismusthese von Arendt willig aufgenommen. Die Atombomben- und Technologiekritik von Anders blieb minoritär.

Die späteren, spärlichen Kontakte zwischen den beiden wirken eher deprimierend. Anders ist sozial isoliert, körperlich angeschlagen, doch Arendt lässt kaum Mitleid spüren, schreibt an Dritte geradezu verächtlich über ihn.

Elegant und hellsichtig

In den letzten zwei Jahrzehnten hat es einen Arendt-Boom gegeben, der sie über die vereinfachte Totalitarismus-Thematik hinaus als Kronzeugin für eine linksliberale Freiheitsauffassung reklamiert. In dieser Hochkonjunktur werden Anders und sein früher Einfluss auf Arendt weitgehend totgeschwiegen.

Dabei ist der 1992 verstorbene Günther Anders meines Erachtens der tiefgründigere Schreiber. Er hat einen ganz eigentümlichen Stil, scharfe Gedankengänge, systematisch durchdacht, hochphilosophisch, hochpolitisch. Und dennoch bleibt er anschaulich. Seine Studien zur «Antiquiertheit des Menschen» haben nicht erst mit der AKW-Katastrophe von Fukushima neue Aktualität gewonnen. Etwa der von ihm geprägte Begriff des «prometheischen Gefälles», wonach die Instrumente ihren Schöpfer, den Menschen, übertreffen. Daraus entspringen Scham und emotionale Hilflosigkeit. Oder die «Apokalypse-Blindheit», das Defizit der Wahrnehmungskapazität, wonach wir uns die Vernichtung gar nicht mehr vorstellen können. Auch die Virtualität der neuen Medien hat Günther Anders bereits in den fünfziger Jahren anhand des Fernsehens reflektiert und die Diskussion um die Wirkung von Computerspielen am Beispiel der Flipperkästen vorweggenommen.

Anders ist auch der elegantere und vielseitigere Schreiber. Neben seinen grossen zeitkritischen Werken und politisch eingreifenden Stellungnahmen hat er kleinere Texte mit ganz eigenem Charme verfasst, etwa «Lieben gestern. Notizen zur Geschichte des Fühlens» oder das Langgedicht «Mariechen. Eine Gutenachtgeschichte für Liebende, Philosophen und Angehörige anderer Berufsgruppen». Dazu gesellen sich jetzt die drei Texte aus «Die Kirschenschlacht». Auch hier zeigt sich, wie Anders geradezu spielerisch zwischen Philosophischem, Politischem und Persönlichem oszillieren kann.

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