Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Beim toten Dichter in der Werkstatt

Von Adrian Riklin

Unlängst gab es an dieser Stelle Neues aus der Franz-Kafka-Forschung: von der bahnbrechenden Erkenntnis, dass im Werk des Prager Dichters ein ernsthafter Humor-Anteil gefunden worden sei (siehe WOZ Nr. 38/12).

Inzwischen ist die Kafka-Forschung weiter fortgeschritten. Die Analyse von Handschriften toter DichterInnen, die seit einigen Jahren floriert (man denke an die monumentale Erforschung von Robert Walsers «Mikrogrammen»), hat nun einen vorläufigen Höhepunkt erreicht: Seit einigen Tagen liegt eine Dissertation vor, die sich mit Kafkas Handschrift zum Romanfragment «Das Schloss» beschäftigt.

Dabei handelt es sich keineswegs um eine Persönlichkeitsstudie mit grafologischen Mitteln, die Erhellendes über die Dunkelstellen von Dichter und Werk zu entdecken meint. Das ist doch beruhigend. Vielmehr geht es Autor Matthias Schuster darum, die «zahlreichen und wesentlichen Unterschiede zwischen der Handschrift zu Kafkas letztem Romanfragment und den Buchausgaben herauszuarbeiten und für die Auslegung fruchtbar zu machen».

Schusters Untersuchung reiht sich in eine sich in den letzten Jahren verbreitende Editionspraxis ein, Handschriften von DichterInnen in Faksimileausgaben zugänglich zu machen. Interessierte LeserInnen sollen damit einen möglichst unverstellten Blick in die «Schreibwerkstatt» eines Autors werfen können. Sichtbar werden dabei nämlich auch sämtliche Streichungen und Entwurfsstufen.

Was bislang weitgehend fehlte, sind Untersuchungen, die die diversen Informationsebenen, die Handschriften in sich bergen, für die Interpretation nutzbar machen. Schusters Analyse konzentriert sich insbesondere auf die komplexe Erzählperspektive und reicht von der Beschreibung schauspielhafter, dramatischer Elemente bis hin zu, so der Autor, «ethischen und soziologischen Implikationen des Textes».

Passend zur Renaissance wissenschaftlich betriebener Handschriftenkunde in Zeiten technologisch bedingter Verkümmerung handschriftlicher Tätigkeiten ist auch ein Essayband zum Thema «Kritzeln» erschienen.

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