Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Die Königstochter und der Gärtnerssohn

Von Anna Wegelin

Sein Roman «Chrom» über den Lebenskünstler Basil Bast machte mich Ende der neunziger Jahre auf Urs Augstburger aufmerksam. Es folgte die viel gepriesene Bergtrilogie «Schattwand», «Graatzug» und «Wässerwasser». Augstburgers siebtem Roman, «Als der Regen kam», über den Webspezialisten Mauro Nesta, der aus Genua zu seiner an Alzheimer erkrankten Mutter Helen Nesta ins beschauliche Städtchen seiner Kindheit (Brugg) reist, wird dieser Erfolg verwehrt bleiben.

Der Autor, der beim Schweizer Fernsehen arbeitet, will zu viele Themen in die Story hineinpacken. Sie handelt davon, wie Mauro am traditionellen Brugger Jugendfest mit Rutenzug allmählich die tragische Geschichte der verhinderten Liebe zwischen seiner Mutter Helen, Tochter des unmöglichen «Stadtkönigs» Bellard, und «Kobi», Sohn von dessen Gärtner, erfährt – eine unglückliche Liebe im Sommer 1956, die von einem Gewitterregen jäh beendet wurde.

Da geht es um die Entwurzelung eines Secondos, der die meiste Zeit mit seiner Mutter allein aufgewachsen ist; es geht um die Faszination der Menschen für Riten und Traditionen – und natürlich um eine unbedingte Liebe zwischen Frau und Mann: jene, die am gesellschaftlichen Standesdünkel scheitert – und jene, in der sich die eigene Vorstellungskraft frei entfalten kann.

Das eigentliche Problem an «Als der Regen kam» ist, dass der allwissende Erzähler gegenüber den wichtigen Figuren im Roman, in deren Haut er immer wieder schlüpft, zu viel Sympathie empfindet. Auch die melancholische Grundstimmung und die moralischen Kommentare von Augstburgers Alter Ego tun dem Roman nicht gut – er wird dadurch zu brav und zu versöhnlich.

Es ist kritisiert worden, dass Augstburger nun auch noch das Alzheimer-Thema aufgreifen müsse. Ich sehe dies anders: Es sind gerade die in Kursivschrift gedruckten Monologe von Helen Nesta, die der Liebesballade jenen Zauber verleihen, der dem Roman ansonsten abgeht.

Lesung aus «Als der Regen kam» in Bülach, Altstadt-Buchhandlung, Untergasse 1, Donnerstag, 
25. Oktober 2012, um 19 Uhr. www.ursaugstburger.com

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