Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Und was sollen die alle essen?

Fast eine Milliarde Menschen hungern. Sind einfach zu viele da? Nein: Kalorien können wir genug produzieren – und erst noch mit ökologischen Methoden.

Von Bettina Dyttrich

«Natürlich können wir die Welt ernähren», sagt Angelika Hilbeck. «Die Frage ist nicht, ob wir können, sondern ob wir wollen.» Hilbeck ist Pflanzenökologin an der ETH Zürich. Sie zitiert eine aktuelle Schätzung: Heute wird genug produziert, um zehn Milliarden Menschen mit 2700 Kilokalorien pro Tag zu versorgen. «Darin ist auch eingerechnet, was zu Treibstoffen und Industrieprodukten verarbeitet wird.» Die Kalorienmenge ist also nicht das Problem. Das betont auch Markus Arbenz, Ingenieur-Agronom und Geschäftsführer des Bioweltverbands IFOAM: «Wir haben kein Mengenproblem, sondern ein Problem von fehlender Kaufkraft und fehlendem Zugang zu Ressourcen wie Land und Wasser. Wer Geld hat, bekommt heute überall auf der Welt genug zu essen.»

Argumente gegen den sozialen Ausgleich

Die Angst, dass das Essen nicht reicht, ist alt. Der englische Pfarrer und Ökonom Thomas Malthus (1766–1834) prophezeite vor mehr als 200 Jahren eine düstere Zukunft: Während sich die Nahrungsmittelproduktion nur langsam steigern lasse, verdopple sich die Bevölkerung alle 25 Jahre. Nach Malthus’ Ideen waren alle Versuche, die Armut zu lindern, kontraproduktiv: Sie würden die Armen nur dazu motivieren, sich stärker zu vermehren, also zu noch grösserer Knappheit führen.

Solche Ideen passten dem englischen Bürgertum in den Kram: Sie waren gute Argumente gegen jede Form von sozialem Ausgleich. Die grossen Massen verelendeter BewohnerInnen der frühindustriellen Städte schienen Malthus recht zu geben. Doch in Wirklichkeit waren sie nicht verarmt, weil es zu wenig Lebensmittel gab, sondern weil sie im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft von ehemaligem Allmendland vertrieben worden waren. «Das malthusianische Denken verschleierte die Tatsache, dass die vielen Armen nicht arm geboren, sondern arm gemacht worden waren», schreibt der US-amerikanische Anthropologe Eric B. Ross.

Die Parallelen zur Gegenwart sind augenfällig: Auch heute dienen SlumbewohnerInnen vielen BevölkerungsplanerInnen als Beweis, dass es zu viele Menschen gebe – nur sind die Slums jetzt im Süden. Und auch heute stammt ein grosser Teil der SlumbewohnerInnen vom Land und ernährte sich früher selbst. Ungleiche Landverteilung, zu tiefe Preise für ihre Produkte oder Gewalt trieben sie in die Städte.

Keine Revolution für die Armen

Trotz allem lebt der Glaube weiter, das Hungerproblem sei mit höheren Erträgen zu lösen. Dabei gäbe es aus der Geschichte der sogenannten Grünen Revolution einiges zu lernen: Die grossen Intensivierungsprojekte, die US-WissenschaftlerInnen während des Kalten Kriegs im Süden vorantrieben – auch aus Angst, hungernde Menschen seien empfänglich für kommunistische Ideen –, setzten ganz auf Maschinen, Kunstdünger und Pestizide. Sie brachten tatsächlich beeindruckende Ertragssteigerungen – und machten viele Menschen arbeitslos. Die Selbstversorgungswirtschaft der KleinbäuerInnen zu zerstören und diese in den Weltmarkt zu integrieren, war ein erklärtes Ziel der Planer. Die Armen sollten sich nicht mehr selbst ernähren, sondern ihre Nahrung von der Agroindustrie kaufen.

Im Norden hatte es schliesslich auch funktioniert: Ehemalige BäuerInnen und ihre Kinder fanden Arbeit in den wachsenden Industrie- und Dienstleistungssektoren. Doch immer noch ist fast die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung der Welt in der Landwirtschaft tätig, und die Industrie steht heute an einem ganz anderen Punkt: Sie kann mit viel weniger Menschen viel mehr produzieren. Der ägyptische Ökonom Samir Amin hat es ausgerechnet: Sogar bei einem globalen Wirtschaftswachstum von sieben Prozent im Jahr gäbe es nur für ein Drittel der heutigen KleinbäuerInnen Jobs in anderen Sektoren. Amins drastische Folgerung: «Der Kapitalismus löste die Agrarfrage in den Zentren, indem er eine gigantische Agrarfrage in den Peripherien schuf – die sich nur mit dem Genozid der halben Menschheit lösen lässt.»

Auch ETH-Forscherin Angelika Hilbeck kritisiert die Grüne Revolution: «Man hat die Besonderheiten der lokalen Landwirtschaftsformen vernichtet und versucht, überall das gleiche industrielle Agrarsystem einzuführen. Und wenn es nicht passte, wollte man das mit externen Inputs wettmachen: mit Chemie und grossen Maschinen.» IFOAM-Geschäftsführer Markus Arbenz sagt: «Die Erträge der hoch technisierten Landwirtschaft weiter zu steigern, hat keinen Sinn. Es bringt viel mehr, die Erträge dort zu verdoppeln, wo sie sehr tief sind, etwa in Afrika. Dafür sind biologische Methoden geeignet.»

Doch jeder Schweizer Landwirt weiss: Wenn er auf Bio umstellt, sinken die Erträge – im Schnitt um zwanzig Prozent. Braucht Bio also schlicht zu viel Platz? Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno (FAO) glaubt das. Biolandbau sei gut und unterstützungswürdig, sagte Jacques Diouf, FAO-Direktor bis 2011. Aber es werde nicht möglich sein, 2050 ohne Kunstdünger neun Milliarden Menschen zu ernähren.

Markus Arbenz widerspricht. «Je schwieriger der Standort, desto besser ist Bio. Es stimmt, auf fruchtbaren westeuropäischen Böden sind die Erträge tiefer. Aber auf schlechten Böden wirft Bio oft mehr ab – weil diese gar nicht fähig sind, Kunstdünger aufzunehmen. Biomethoden bauen Humus auf.» Arbenz plädiert für eine «Ökointensivierung»: «Wir wollen die Produktion intensivieren, aber mit der Natur, nicht gegen sie.» Der Schlüssel dazu sei die Bodenfruchtbarkeit: «Wenn wir mehr organische Substanz in den Boden bringen, erhöht sich die biologische Aktivität, die Wurzelmasse nimmt zu, die Kreisläufe setzen immer mehr Masse um.» So sei es sogar möglich, Wüsten fruchtbar zu machen: «Das Projekt Sekem in Ägypten hat Felder geschaffen, wo vor einigen Jahren nichts als Sand war.»

Raubbau wird belohnt

Angelika Hilbeck war Mitglied des Weltagrarrats IAASTD, der 2008 den Weltagrarbericht veröffentlicht hat – eine der umfassendsten Arbeiten über Landwirtschaft, die je erschienen sind. Der Weltagrarbericht betont, dass die einseitige Ausrichtung auf Ertragssteigerung viele Nachteile habe, dass die Öffnung der Agrarmärkte die Ernährungssicherheit gefährden könne und dass ökologischer Landbau nicht nur Umweltprobleme löse, sondern auch die Produktivität erhöhe – lokal, wo sie die Menschen brauchen.

Angelika Hilbeck sagt denn auch: «Bezüglich Agrarökologie und Ernährungssicherheit wissen wir, was zu tun ist. Die Analysen sind gemacht.» Die Hindernisse sieht Hilbeck anderswo: «Wir werden keine ökologische Landwirtschaft hinbekommen, solange wir das bestehende ökonomische System erhalten. Denn es belohnt jene, die Raubbau betreiben und alle Umwelt- und Gesundheitskosten externalisieren, und bestraft jene, die ökologisch wirtschaften.» Solange Energie so billig sei, Nahrungsmittel wie irgendwelche Rohstoffe an der Börse gehandelt würden und einige wenige globale Monopole von Saatgut-, Chemie- und Handelsfirmen die Profite abschöpften, werde ökologische Landwirtschaft eine Nische, ein Feigenblatt bleiben. «Es hat keinen Sinn, ein nachhaltiges System zu entwickeln, das ökonomisch keine Chance hat.» Darum sei es nötig, das heutige Wirtschaftssystem vollkommen umzubauen. Dazu brauche es eine breite Allianz aus Politik, Forschung und Wirtschaft.

Der Schweiz stellt Hilbeck kein schlechtes Zeugnis aus: «Sie hat kein totales Monopol von Saatgutfirmen zugelassen, Nahrungsmittelproduktion und -verteilung sind noch relativ dezentral organisiert, Gentechnik ist verboten.» Doch global dränge die Zeit: «Das jetzige System fährt an die Wand. Industrielle Landwirtschaft funktioniert wie Bergbau: Irgendwann sind der Boden und die anderen Inputressourcen erschöpft. Das ist das Problem, nicht die Zahl der Menschen.»

www.weltagrarbericht.de

Eine gute Zusammenfassung von Eric B. Ross’ Malthus-Kritik 
(auf Englisch): www.tinyurl.com/malthusdossier

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