Nr. 45/2012 vom 08.11.2012

Geerdete Worte

Vpn Jochen Kelter

Thilo Krause, 1977 in Dresden geboren, hat in Zürich promoviert und forscht an der ETH an intelligenten Energienetzen. Nicht der typische Brotberuf eines Poeten, aber einer, der erdet.

Die Erde, die Landschaft seiner sächsischen Heimat, spielt, gegen den Strom der Lyrik seiner AltersgenossInnen, deren Poeme sich eher aus Hirnwindungen nähren, denn auch eine Hauptrolle in den knapp fünfzig Gedichten seines Bands mit dem Titel «Und das ist alles genug». Es ist eine herbe, eine spröde Landschaft, durch deren Felder und Wiesen als Hauptperson oft der Grossvater zieht: «Kühe blicken uns an, unter Wimpern hervor / dicht wie das Dunkel in den Hecken entlang der Weide / dicht wie das Geschwätz der Vögel / zwischen Brombeeren und Farn.» Diese Gedichte haben eine poetische Dichte, die mehr als einmal an Krauses Landsmann Wulf Kirsten und dessen Gedichtband «Die Erde bei Meissen» erinnert.

Aber Krause ist als einer jener Letzten, die noch in der DDR geboren wurden und sie wissentlich erlebt haben, auch ein poetischer Chronist dessen, was von ihr geblieben ist: «Die ganze Kompanie auf Halt / mit Bierdosen an Plastiktischen / aus der Ferne wie Terracottafiguren / bröckelnde Gestalten, schartig, aufrecht / sind sie diesem Ort hier beigegeben.»

Seine Gedichte speisen sich aus Kindheitserinnerungen und verwandeln sich die erinnerte unspektakuläre Landschaft und ihre verödeten, abweisenden menschlichen Ansiedlungen mit einer sprachlichen Unbedingtheit an, die in der Lyrik eher selten geworden ist. Und Krause erschafft in knappen Versen eine sinnliche Atmosphäre, die greifbar wird: «Ein fröhlicher Zug Versprengter / mit Worten lose in den Taschen / und Händen klein wie Schlüssel / für die Türen und später fürs Reden.»

«Und das ist alles genug» ist ein durch und durch gelungenes lyrisches Debüt, das auf weitere Poesie voll intelligenter Energie und geerdeter Sprache hoffen lässt.

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