Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Ein Schweizer in der Waffen-SS

Von Eva Pfister

Um diesen Vater ist Valerie nicht zu beneiden: Walter Grimm ist stur und verbissen, ehrgeizig und angeberisch. Nur um ihrer demenzkranken Stiefmutter Clara willen macht sich die Tochter ab und zu auf den Weg in die Villa. Dort lebt der Tontechniker und Musikproduzent mit der ehemaligen Pianistin, deren Krankheit ihre Karriere vorzeitig gestoppt hat. Oder war es nicht so?

Valerie ist Englischlehrerin und findet bei der Gartenarbeit die Ruhe wieder, die ihr nicht nur ihre SchülerInnen rauben. Denn was ein US-amerikanischer Musikjournalist herausgefunden hat, ist ein Schock: Die vielgerühmten alten Aufnahmen der Clara Howes sind Plagiate. Kann man Musik plagiieren?

Gerlinde Michel zeigt in ihrem neuen Roman «Frei willig» anschaulich auf, wie ein Musikplagiat entsteht, aber das ist nur eines der beiden Themen des Buchs und für Valerie das kleinere Problem. Denn zudem hat sie beim Vater einen Brief entdeckt, der ihn zu einem Kameradschaftstreffen einlädt, was einen alten Verdacht bei ihr bestärkt. Hat ihr Vater während des Zweiten Weltkriegs etwa in Deutschland gekämpft?

Zwischen 800 und 900 Schweizer traten in die Waffen-SS ein und beteiligten sich damit am nationalsozialistischen Vernichtungskrieg. Die Autorin veröffentlicht im Anhang die dürren Fakten ihrer Recherche. Im Roman aber versetzt sie sich auch in den jungen Walter Grimm, der von seiner deutschen Mutter zu Ehrgeiz und Rassenhass aufgestachelt wird. Sie schildert seinen illegalen Grenzübertritt nach Deutschland, den Drill in der Ausbildung, seine Fronterlebnisse. Und seine dauernde Unzufriedenheit, die ihn schliesslich zu dem Betrug treibt und erst noch dazu, seinen kleinen Sohn zu schikanieren. Es wird am Ende ein bisschen viel Bösartiges in diese eine literarische Figur gestopft, sodass Grimm einem als geradezu märchenhafter Unhold erscheint. Was aber nicht heisst, dass solche in der Wirklichkeit nicht vorkommen.

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