Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

Nachrichten über den Herrn Brecht

Den ideologischen Schutt aus dem Kalten Krieg zur Seite schieben: «Lebenskunst in finsteren Zeiten», die erste umfassende Brecht-Biografie seit 1989, lädt ein, den Schriftsteller und Zeitkritiker neu zu lesen.

Von Werner Wüthrich

Er war einer dieser widersprüchlichen Zeitgenossen, als Dichter und Stückeschreiber so schillernd und anregend wie seine Zeit: der meistgespielte Stückeschreiber des 20. Jahrhunderts und einer der meistzitierten modernen AutorInnen überhaupt, dessen Werk sich trotz mehrerer Boykottaufrufe durchsetzte – dank seiner Sprachkunst.

Bertolt Brecht, 1898 in Augsburg geboren und 1956 in Berlin-Ost verstorben, war eine Jahrhundertfigur: Als Mann des Theaters beeinflusste er weltweit, als politischer Autor setzte er sich zwischen viele Stühle und blieb ein ewiges Ärgernis.

Der kleine grosse Mann aus Deutschland lebte in fünf verschiedenen historischen Epochen, die ihn und sein Werk geprägt haben: Kindheit in der Kaiserzeit, Jugend während des Ersten Weltkriegs in Augsburg; Aufstieg zum Weltautor im Berlin der Weimarer Republik; lähmende Exiljahre in Dänemark; Flucht in die USA, die Enttäuschungen in Hollywood; später ebenso Enttäuschungen in Zürich, seiner erhofften «residence ausserhalb Deutschlands» nach dem Zweiten Weltkrieg – und nach 1949 die hart erkämpften Arbeitsbedingungen mit dem Berliner Ensemble in der DDR. Ein einflussreicher Mann, von dem fast jeder Lebenstag in Chroniken festgehalten ist. Alles scheint gesagt.

Verteufelt und vereinnahmt

Aber – ist wirklich schon alles gesagt? Warum ist gerade heute eine Brecht-Biografie so wichtig, die das bisherige Bild befragt und überprüft?

Brecht versuchte sich zeit seines Lebens als unabhängiger Autor: mit kritischem Standpunkt, womit der «arme b. b.» zu jedem der erlebten verschiedenen Gesellschaftssysteme in Widerspruch geriet – und in jedem Land, wo er sich aufhielt, überwacht und bespitzelt wurde. Das blieb nicht ohne Folgen für die Rezeption seiner Werke und nicht für das Bild, das wir von ihm haben.

Kaum war 1947 der Mann, der sich so leidenschaftlich um die Belange seiner Zeit kümmerte, in der Schweiz, der letzten Station seines Exils, eingetroffen, begann der Kalte Krieg. Natürlich tappte auch Bertolt Brecht, wie alle antifaschistischen SchriftstellerInnen seiner Generation, in die Fallen dieses ideologisch verminten Feldes – trotz heftiger Gegenwehr und unterstützt durch seinen Zürcher Freundeskreis. Doch im Unterschied zu anderen ExilantInnen in Zürich wie zum Beispiel Thomas Mann oder Carl Zuckmayer vermochte er sich den damit verbundenen Gefahren nicht zu entziehen. Die hasserfüllten Vorwürfe, mit denen ihn die Nationalsozialisten und faschistische Staaten verfolgten, wurden teilweise von den US-Geheimdiensten übernommen – und an die schweizerische Fremdenpolizei weitergeleitet.

Durch die Teilung Deutschlands setzten sich für Brecht die finsteren Zeiten fort. Der Dichter wurde verteufelt und vereinnahmt zugleich, Werke von ihm wurden in Ost und in West boykottiert und teils verboten. Nach seinem Tod machten SED und DDR aus dem unliebsamen Kritiker einen Staatsdichter. Das brachte ihm bei uns fälschlicherweise den Ruf eines Steigbügelhalters des Regimes ein. Angesichts all der falschen Etikettierungen, Beschuldigungen, Boykotte und einer späten Vereinnahmung während des Kalten Kriegs mag es noch immer schwerfallen, die Werke von Brecht unbefangen zu lesen. Oder sich von dem politischen Autor ohne Vorurteile ein Bild zu machen.

Schon lange hat die neuere Brecht-Forschung deshalb auf ein Buch gewartet, das dazu einen Neuansatz und eine Grundlage bietet – gerade von Jan Knopf, Professor für Literaturwissenschaft und Leiter der Arbeitsstelle Bertolt Brecht in Karlsruhe, der neben Werner Hecht einer der profundesten KennerInnen von Brechts Leben und Werk ist und sich bereits als Autor einer Brecht-Biografie, als Mitherausgeber der Grossen kommentierten Berliner und Frankfurter Brecht-Ausgabe und als Herausgeber des Brecht-Handbuchs einen Namen gemacht hat.

Unbekannte Texte, neues Material

Nun liegt die erste grosse Brecht-Biografie nach der deutschen Wiedervereinigung vor. Und sie übertrifft alle Erwartungen. «Bertolt Brecht. Lebenskunst in finsteren Zeiten» ist der Versuch, den ideologischen Schutt dies- und jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs und die befangenen Sichtweisen des vergangenen Jahrhunderts zur Seite zu schieben. Dabei lenkt Knopf den Blick noch einmal auf das Wesentliche: auf die Sprache und den Sprachkünstler. Denn Brecht hat einem modernen Lebensgefühl Sprache gegeben. Was er an Widersprüchen, menschlichen Hoffnungen und politischen Entwicklungen zu seiner Zeit darstellt, setzt sich bis in unsere Gegenwart fort. Zudem wurden seit der grossen Werkausgabe 1998 noch so viele unbekannte Texte gefunden und neues Material entdeckt, dass man, so Knopf, sagen muss: «Ein Drittel des Werkes war gar nicht bekannt. Die Brecht-Rezeption kann jetzt überhaupt erst beginnen.»

Mit den Werken und der Sprache im Zentrum gelingt es Knopf, sowohl die persönlichen und gesellschaftlichen Widersprüche aufzuzeigen wie auch den Klassiker der Vernunft als einen Menschen mit vielen Gesichtern darzustellen. Brecht war als Künstler, so Knopf, ein Universalist, der alle neuen ästhetischen Möglichkeiten der Avantgarde erprobte.

Wer die neue Biografie zur Hand nimmt, erfährt nicht nur auf jeder Seite Neues von Herrn Brecht. Knopf, der mit unterschiedlichsten Sichtweisen auf Bertolt Brecht und kontroversen Interpretationen wie kein Zweiter vertraut ist, hat die biografischen Quellen überprüft und so auch die Mythenbildung befragt, die einen Weltautor wohl zwangsläufig begleitet. Dabei liess er sich von der prägnanten Sprachkunst Brechts anstecken. Die Lektüre ist von der ersten bis zur letzten Seite ein Vergnügen.

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