Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Raucherplage am Bosporus

Von Astrid Kaminski

Einen guten, in Sesamöl gebratenen Bonito, Nelkenblüten und Raki: Viel mehr brauchen die launischen Kaffeehausexistenzen in Metin Eloglus «Fast eine Geschichte» nicht, um zufrieden zu sein. Ausser ab und an noch ein geregeltes Einkommen oder eine erfolgreiche Gaunerei und eine erquickliche Liebschaft.

Der Band mit gesammelter Kurzprosa setzt die junge Reihe zur klassischen türkischen Moderne im Berliner Binooki-Verlag fort. 2011 wurde sie mit dem Seelensezierer Oguz Atay (1934–1977) begonnen und damit ein unabgesprochener Stabwechsel vollzogen: Die türkische Bibliothek im Zürcher Unionsverlag kam 2010 zum Abschluss, Binooki 2011 an den Start. Der von zwei türkischstämmigen Schwestern gegründete, bereits prosperierende Verlag hat sich zunächst ausschliesslich die Verbreitung türkischer Literatur im deutschsprachigen Raum auf seine Fahne geschrieben. So soll auch der Dialog zwischen der Elterngeneration mit türkischer Muttersprache und der im Deutschen ausgebildeten Nachfolgegeneration verstärkt werden. Gleichzeitig sorgen Gegenwartsliteratur und ausgewählte Krimis für das Verlagswohl.

Metin Eloglu (1927–1985) ist wieder eine ausgezeichnete Wahl. Vom in der Türkei vor allem als Lyriker bekannten Autor und Maler lag bislang keine Übersetzung vor. Die Entscheidung, im lyrikscheuen deutschsprachigen Raum mit seiner Prosa zu beginnen, ist klug. So lernt man Geschichten kennen, deren Ton rau und ironisch, geradezu schnoddrig ist, die Mitgefühl wecken, nur um es gleich wieder zurückzuweisen. Genüsslich schlüpft der Ich-Erzähler in die Haut von Betrügern und Betrogenen – muss sich aus dubiosen Gründen von Istanbul fernhalten und leidet wie einst Ovid am «barbarischen» Pontus. Trost bringen die am Meeresgrund aufleuchtenden Fische. Welch ein Genuss, den Rauch der morgendlichen Zigarette «in die Öffnung des gegenüberliegenden Fensters» zu blasen! Ansteckender ist männlichkeitsstrotzendes Halunkendasein selten.

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