Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Die Reise ins Bodenlose

Von Anna Wegelin

Vier Fotos sind die einzigen Erinnerungsstücke, die dem 1934 geborenen Jürgen Ramm aus seiner Kindheit im damaligen Ostpreussen geblieben sind. Über fünfzig Jahre später reist er mit seiner Frau, Schweizerin, an die Orte seiner frühen Lebensjahre zwischen Gdànsk und Kaliningrad zurück, damals Danzig und Königsberg. Er verlor im hart umkämpften Gebiet zwischen den deutschen und den russischen Streitkräften praktisch seine ganze Familie.

Die Erinnerungssuche von einem, der im Zweiten Weltkrieg zum Waisen wurde, ist schon oft bearbeitet worden. Doch die lange Arbeit hat sich gelohnt: Verena Stössingers autobiografischer Roman «Bäume fliehen nicht» berührt und ist ein sprachlicher Genuss.

Die Reise wird aus der Sicht des Mannes beschrieben. «Die Frau» hört zu, fragt nach und ermutigt ihn, seine Vergangenheit auszugraben, die er «in sich versenkt hat». Jetzt, wo er alt wird, möchte Jürgen Ramm an die Orte seiner Kindheit zurück. Doch wird er nie erfahren, wer sein Vater wirklich war, nur dass er der Wehrmacht angehörte. Diese Entdeckung stellt nicht nur seine Erinnerung auf den Kopf, sondern auch sein Selbstbild – und verleiht seiner Suche etwas Bodenloses: War der Vater in der Nazipartei? Warum konnte die Mutter, Halbjüdin, nach dessen Unfalltod mit ihren drei Buben in der Siedlung für Flughafenangestellte wohnen bleiben?

Ramm plant, das Haus seiner Kindheit aufzusuchen: «Und wenn ich dann da bin, werde ich mir einen Spaten besorgen und auf dem Grab meiner Mutter einen Baum pflanzen.» Bäume, Pflanzen, aber auch Mohnstreuselkuchen oder in Essig eingelegte Dillgurken – die Reise führt auch durch ein Meer von Farben, Düften und Sinneseindrücken.

Was macht Erinnerung mit dem, was man erlebt hat? Wie verändert man sich, wenn sich diese Erinnerung verändert? Stössinger gelingt es, existenzielle Fragen zu berühren, die weit über das Leben des Protagonisten hinausgehen.

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