Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Wie die Schweiz zur Gewinnerin wurde

Seit über hundert Jahren nimmt die Schweizer Volkswirtschaft international eine Spitzenposition ein. Wie es dazu kam, zeigt ein neues Buch.

Von Wolfgang Hafner

Über zwei Kilogramm schwer und rund 1200 Seiten dick ist die kürzlich erschienene «Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert». Das Buch füllt eine Lücke, gab es doch bis jetzt kein umfassendes Werk zum Thema. Das Buch widerspiegelt die für die Schweiz typische Nähe von Sozial- und Wirtschaftsgeschichte: Neben ökonomischen Themen wie Bruttowertschöpfung der einzelnen Sektoren, deren Verteilung oder die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung behandelt es auch eher sozialhistorisch ausgerichtete Themen wie «Arbeitsfrieden», «Wohlstandsverteilung» oder «die Bedeutung internationaler Organisationen».

Erstmals wird in dem Band auch der Versuch unternommen, die langfristige wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz statistisch differenziert aufzuschlüsseln (Margrit Müller, Ulrich Woitek). Allerdings lässt die zum Teil fehlende Datengrundlage, kombiniert mit elaborierten Modellen und ausführlichen Grafiken, hin und wieder eine gewisse Ratlosigkeit aufkommen. Dennoch fällt im längerfristigen Vergleich des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf auf, dass sich die Schweizer Volkswirtschaft bereits Ende des 19. Jahrhunderts in einer Spitzenposition befand, die sie während der folgenden hundert Jahre verteidigen konnte. Die überdurchschnittlichen Wachstumsraten nach dem Zweiten Weltkrieg leisteten dazu einen wesentlichen Beitrag: Die Schweiz gehörte zu den KriegsgewinnerInnen.

In der Phase vor dem Ersten Weltkrieg begann – so Béatrice Veyrassat – der Aufstieg der Banken. Deren absehbares Waterloo zu Beginn des 21. Jahrhunderts beschreiben dann Malik Mazbouri, Sébastien Guex und Rodrigo Lopez unter dem markigen Titel «Hochmut kommt vor dem Fall».

Geldwertstabilität im Zentrum

Die grosse Zahl an AutorInnen – insgesamt rund zwanzig – macht den Band sehr vielfältig, zum Teil aber auch widersprüchlich. Aber immerhin: Er ist eine Bestandsaufnahme der heute vorhandenen Forschungsarbeiten zum Thema. Aber ist die Schweiz, wie der Doyen der schweizerischen Wirtschaftsgeschichte Hansjörg Siegenthaler meint, der Prototyp für eine moderne Wirtschaftsgesellschaft, hat sie eine Vorbildfunktion?

Noch während seiner Zeit als Professor für Wirtschaftsgeschichte hat Siegenthaler ein Modell zur Analyse von Modernisierungskrisen erarbeitet, das im Wesentlichen von einer Abfolge von Phasen ausgeht. Nach einer Phase wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilität folge eine Phase mit Krisen und Destabilisierung, die von einem Vertrauensverlust begleitet sei. Als Bedingung für einen Aufschwung müssten Stabilität und Regelvertrauen wieder hergestellt werden.

In verschiedenen Artikeln nehmen die AutorInnen direkt oder indirekt Bezug auf diese These: Nicht zuletzt zugunsten eines zuverlässigen Regelsystems räumte man in der Schweiz während des 20. Jahrhunderts stets einer (monetaristisch geprägten) Währungs- und Geldwertstabilität den Vorrang gegenüber allen anderen Zielen ein. Dadurch entwickelte sich allerdings auch eine «gewisse Schwerfälligkeit» (so Patrick Halbeisen und Tobias Straumann) bei der Anpassung an «neue Umstände».

Und die Binnenwirtschaft?

Die Untersuchungen der WirtschaftshistorikerInnen reflektieren ihr «Wunschbild» von der Schweiz als einer internationalen, offenen Gesellschaft. Entsprechend forschten sie vor allem auf dem Gebiet der Aussenwirtschaft und der internationalen Verflechtungen und beschäftigten sich weniger mit der Binnenwirtschaft. Die vorwiegend binnenmarktorientierten klein- und mittelständischen Unternehmen, ihr wesentlicher Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung, ihre gesellschaftlich-politische Verankerung und ihre innovative Tätigkeit blieben bisher weitgehend unbeachtet. Dabei hatten sie etwa in der Expansionsphase vom 19. zum 20. Jahrhundert mit rund zwei Dritteln zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Das Kapitel zur Binnenwirtschaft von Laurent Tissot ist entsprechend dünn ausgefallen.

Im Kapitel «Wissen und Technologie» stellen David Gugerli und Jakob Tanner den innovativen Beitrag des Staats oder parastaatlicher Organisationen im Post-, Energie- oder Bahnbereich als wenig erfolgreich dar und zeigen das anhand einzelner Beispiele. Aber schuf nicht gerade der Übergang in den siebziger und frühen achtziger Jahren von der noch weitgehend kartellistisch-korporatistischen Schweiz zu einer liberalen Marktwirtschaft ein produktives kulturelles und technologisches Gefälle (Achtundsechziger versus Konservative, Einführung der Halbleitertechnologie, integrierte Schaltungen), das ein grosses Entwicklungspotenzial bot?

Bei der Buchvernissage wurde auf die Bedeutung der Verhaltensnormierung (Vertrauen als zentrales Gut) hingewiesen. Eine wesentliche Basis des schweizerischen Systems bildete dabei der Arbeitsfrieden (Bernard Degen). Gerne hätte man in diesem Zusammenhang mehr über die Schattenseiten dieses Abkommens und der damit verbundenen Normierungen (etwa die Ausgrenzung abweichender Verhaltensweisen oder der Fremden) erfahren. Auch wäre es interessant zu wissen, inwiefern als Folge des Arbeitsfriedens Einrichtungen wie die Pensionskassen geschaffen wurden, die heute eine Weiterentwicklung der Gesellschaft verhindern.

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