Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Ehrgeiz und Stolz

In Bethlehem überleben, auch mit Fussball für Frauen. Der Fotograf Meinrad Schade hat die Stürmerin Nivin al-Kolayb im Alltag und zum Spiel begleitet.

Von Meinrad Schade (Fotos) und Armin Köhli (Text)

Zweimal elf Frauen, ein Spielfeld, zwei Tore. Gesunde, normale, kräftige Sportlerinnen, sagt Meinrad Schade, der Bethlehems Frauenfussballerinnen fotografiert hat. Das ist bereits erwähnenswert in Bethlehem, im besetzten Palästina, direkt hinter der Mauer, die die besetzten Gebiete abriegelt.

«Sie sind vor Stolz fast geplatzt, als ich sie fotografiert habe», sagt Schade, «aber es war ein schöner Stolz.» Nichts Aufgesetztes, sondern einfach eine grosse Freude, dass der Fotograf kommt. Die Freude aller SportlerInnen, die sonst von den Medien kaum wahrgenommen werden. In seinen Bildern ist dieser Stolz zu sehen. Aber auch der Ehrgeiz der jungen Frauen, der normale, sportliche Ehrgeiz, der Krampf und die Anstrengungen, die zum Erfolg im Sport führen.

In Bethlehem gibt es keine Wahl: Man muss sich arrangieren mit der Besetzung, mit der Mauer. Man muss trotzdem leben. An einer Stelle, erzählt Schade, haben sie die Mauer weiss gestrichen, um Fussballspiele darauf zu projizieren. Wie fast alles in den besetzten Gebieten ist auch der Fussball Teil der Politik. Das palästinensische Nationalteam nimmt Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit vorweg, die Freude im Stadion ist auch der Ruf nach Freiheit. Im Fussball existiert Palästina schon lange. Seit den siebziger Jahren spielte eine Auswahl von Flüchtlingen für Palästina, als sportlicher Flügel der palästinensischen Befreiungsorganisation PLO. Mit der Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörden 1994 entstand dann eine offizielle palästinensische Nationalmannschaft in den besetzten Gebieten. 1998 wurde Palästina Mitglied des Weltfussballverbands Fifa, vierzehn Jahre bevor die Uno-Generalversammlung Palästina als Beobachterstaat zugelassen hat.

Nivin al-Kolyab ist Stürmerin bei Diyar Bethlehem. Ihre Schwester Nadin, mit der sie das Schlafzimmer teilt, ist Goalie und Klubkollegin; beide spielen auch im palästinensischen Nationalteam. Das bedeutet Kraftraum, Training, Trainingsspiele, Meisterschaft, Länderspiele. Daneben trainieren die Nationalspielerinnen auch noch die Juniorinnen. Aber dank Fussball sind die jungen Frauen nicht ganz gefangen in den besetzten Gebieten, sie kommen manchmal raus, ins Ausland, wo sie gelegentlich zu Turnieren eingeladen werden. Sechs Teams spielen in der palästinensischen Frauenliga. Diyar Bethlehem gewann die Meisterschaft 2011, im ersten Jahr der Liga. Der Klub stellt fünf Spielerinnen im Nationalteam.

Auf der Website des palästinensischen Fussballverbands spielt der Frauenfussball keine Rolle, aber auf der Seite der Fifa sind die aktuellen Resultate des Nationalteams abrufbar. Palästina liegt auf Platz 95 der Frauenweltrangliste, zwischen Simbabwe und Neukaledonien. Der Spielplan der palästinensischen Frauenliga sei recht flexibel, sagt Meinrad Schade. Das Spiel Diyar gegen al-Esawiyeh wurde so angesetzt, dass er fotografieren konnte.

Ein normales Leben leben in Bethlehem. Nivin, die 29-jährige Stürmerin, die frechste der Spielerinnen, wie Schade sie beschreibt, nimmt ihn mit in die Stadt, bringt ihn zu sich nach Hause, zeigt ihm das Schlafzimmer, wo sie die Medaillen aufgehängt hat. Sie spricht kaum Englisch, aber erklärt und berichtet dem Fotografen, wie sie nur kann. Schade hatte die Power der jungen Frau nicht erwartet, auch etwas Angst gehabt, dass Kopftuch und Religion Verschlossenheit und Distanz schaffen. Nivin ist die Einzige, die während der Spiele ein Kopftuch trägt.

In Bethlehem, laut Neuem Testament Geburtsstadt Christi, leben etwa 25 000 Menschen. Viele, wenn auch nicht die Mehrheit, sind christlichen Glaubens. Bei Diyar Bethlehem spielen Christinnen und Musliminnen zusammen, warum auch nicht? Dennoch lasse sich nicht sagen, Religion spiele keine Rolle, so Schade. Nicht im Palästina von heute, nicht im Nahen Osten von heute. In den letzten Jahren sind viele ChristInnen ausgewandert. Wegen Checkpoints, Mauer und Besetzung, wegen der Lebensbedingungen, aus einem Gefühl von Bedrohung heraus.

In Meinrad Schades Bildern zeigt sich der Palästinakonflikt nur in Details, etwa wenn da neben Mobiltelefoniewerbung auch ein grosses Bild des verstorbenen palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat hängt. Oder wenn in der Trainingshalle Waffen verboten sind. Seine Bilder lassen erahnen, wie ein tatsächlich ganz normales Leben in Bethlehem sein könnte. Man kann es Nivin, Nadin und den andern nur wünschen.

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