Nr. 05/2013 vom 31.01.2013

Die neuen Äcker der Grossstadt

In den Favelas von São Paulo werden brachliegende Grundstücke zu Obst- und Gemüsegärten umfunktioniert. Für viele bieten diese die einzige Chance auf ein regelmässiges Einkommen – und auf ein Leben mit mehr Würde.

Von Sara Mously, São Paulo

Hans Dieter Temp humpelt, als er zwischen den prächtigen Wirzköpfen hindurchstapft, dem zartgrünen Karottenlaub, den Salatköpfen. Seit einem schweren Verkehrsunfall vor acht Jahren schmerzt ihn jeder Schritt. Am Weitergehen hindert das den 48-jährigen Brasilianer mit schwäbischen Vorfahren aber nicht. Schliesslich hat er eine Mission – und Courage, wie er selbst sagt: «Wenn ich ein Problem sehe, will ich es lösen.»

Probleme gibt es viele in São Paulo. Tausende ziehen Jahr für Jahr in diese grösste Metropole Lateinamerikas, getrieben von Hunger und Verzweiflung, angezogen von der Hoffnung, hier einen Job zu finden, der sie und ihre Familie ernährt. Doch die meisten landen nur in erbärmlichen Hütten am Stadtrand.

Das Gartenprojekt Cidades sem Fome (Städte ohne Hunger), das Temp vor neun Jahren ins Leben rief, verschafft zumindest 150 von ihnen ein festes Einkommen. Über 550 Personen beziehen einen Grossteil ihrer Lebensmittel aus den Gärten der Organisation. Viele müssen kaum noch etwas einkaufen, so gut sind die Erträge der Äcker, die Temp zusammen mit ihnen errichtete. Kartoffeln bauen sie an, Salat, Bohnen und Kürbisse, manche auch Obst, Kräuter und Heilpflanzen. Was sie nicht selbst verbrauchen, verkaufen sie an NachbarInnen, oder sie beliefern Supermärkte und kleine Restaurants. Bisher haben Temp und seine drei MitarbeiterInnen 21 Gemüsegärten in der östlichen Peripherie der Stadt aufgebaut, in der die Armut am grössten ist.

Geld und ein voller Magen würden vielen schon genügen. Doch die Gärten geben den StadtbäuerInnen auch ihre Würde zurück. Den Ackerbau kennen die meisten von ihnen aus ihrer Kindheit auf dem Land. So auch der 74-jährige José Dandrade, der mit siebzehn Jahren seine Heimat verliess – der kleine Acker der Eltern habe nicht gereicht, um die Familie zu ernähren. Sechs Kinder habe er selbst grossbekommen, erzählt er, «und alle haben Arbeit». Dandrade musste sich jahrzehntelang mit Gelegenheitsjobs durchschlagen, oft habe er Hunger gehabt. Seine Rente reicht kaum zum Leben. «Aber jetzt bin ich wieder Bauer», sagt er und strahlt. «Lieber schinde ich meine Knochen auf dem Feld, als in meiner Hütte auf den Tod zu warten.»

Sponsoren aus der Geschäftswelt

Fördermittel aufzutreiben, ist heute Temps Hauptbeschäftigung, denn noch ist Cidades sem Fome nicht selbsttragend. So erwirtschafteten die BäuerInnen 2012 zusammen umgerechnet rund 185 000 Franken – in derselben Zeit gab die Organisation jedoch rund 247 000 Franken für Vertrieb, Landmaschinen, Dünger und Setzlinge aus, die die meisten Gärten von Cidades sem Fome gestellt bekommen.

Der wichtigste Sponsor des Projekts ist ein Sozialfonds des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras, dazu kommen Gelder von Banken, ausländischen Botschaften und der US-amerikanischen Inter-American Foundation. Der Schweizer Agrarkonzern Syngenta spendet Saatgut. Der Erdöllogistiker Transpetro und der Stromanbieter Eletropaulo stellen kostenlos Boden unter Hochspannungsleitungen und über eingegrabenen Pipelines zur Verfügung.

Temp ist sich bewusst, dass die Spenden für viele der Unternehmen nichts weiter sind als ein Mittel zum «social washing», soziales Engagement als moralisches Feigenblatt. So vertreibt Syngenta Saatgut, das ihre KundInnen jedes Jahr neu kaufen müssen, denn die Samen, die daraus entstehen, sind unfruchtbar. Auch die Banken- und Energiebranchen gelten nicht gerade als Flaggschiffe humanistischer und ökologischer Werte. «Klar würde ich lieber nur Spenden von korrekten Firmen annehmen. Doch es sind nun mal die Grossen, die Geld übrig haben», sagt Temp und sieht das Ganze lieber pragmatisch: «Ich will, dass die Leute etwas zum Essen auf dem Tisch haben. Da fange ich nicht an, über Syngenta zu diskutieren.»

Langfristig aber will Temp die Gärten unabhängiger machen. Drei von ihnen sind bereits selbsttragend, unter ihnen der Acker, den José Dandrade und ein Dutzend seiner NachbarInnen bewirtschaften. Sie kennen sich mit den verschiedenen Gemüsesorten gut genug aus, um das ganze Jahr über anbauen zu können. Der Vertrieb funktioniert reibungslos, und neben monatlich rund 285 Franken für jeden wirft der Betrieb so viel zusätzlich ab, dass sich die Kooperative bei Bedarf auch neue Wasserhähne, Schläuche und Setzlinge leisten kann.

Vom Schandfleck zum Treffpunkt

Grundstücke für den Ackerbau im Kleinformat finden sich schnell in São Paulo. Im Zentrum reihen sich Wolkenkratzer aneinander, doch an den Rändern liegen viele Flächen brach. Nicht nur Firmen, auch Privatleute ohne Geld zum Bauen stellen ihr Land zur Verfügung. Selbst ohne Pacht profitieren sie, denn auf vernachlässigten Flächen wird schnell illegal gesiedelt. Wohl niemand aber würde ein sorgsam angelegtes Gemüsebeet verwüsten, um dort seine Hütte aufzustellen.

Von den Bauvorhaben der GrundbesitzerInnen abhängig zu sein, macht die Verhältnisse für die KleinbäuerInnen zwar unsicher, da sie nie wissen, wann sie vom Grundstück wieder wegmüssen. Zweimal sei das schon passiert, erzählt Temp. Doch die BäuerInnen wurden dadurch nicht arbeitslos: Beide Male fand sich schnell neues Terrain in der Nähe. «Ich habe eine lange Liste mit Grundstücken, auf denen wir jederzeit anfangen könnten», sagt Temp. Anfangen, das bedeutet allerdings erst einmal Bodenproben zu nehmen und die Erde auf Schadstoffe testen zu lassen, einen Zaun zu ziehen sowie Müll und Steine fortzuräumen.

Hilfe zu leisten, war nicht Temps vordergründiges Ansinnen, als er seinen ersten Gemeinschaftsgarten aufbaute. Er wollte bloss nicht länger jeden Morgen diesen fürchterlichen Schandfleck ansehen müssen, wenn er zur Arbeit fuhr: ein unbebautes Nachbargrundstück gegenüber seiner Wohnung, auf dem sich Abfälle einen halben Meter hoch türmten – Bauschutt, Küchenabfälle, kaputte Möbel und Tierkadaver. Temp machte den Bodenbesitzer ausfindig. Bot ihm an, das Grundstück freizuräumen, im Gegenzug wollte er darauf Gemüse anpflanzen dürfen, solange der Nachbar nicht baute. Ungläubig willigte dieser ein.

Weil ihm die Gartenarbeit bald über den Kopf wuchs, bot er Jugendlichen aus der Nachbarschaft ein paar Reais für ihre Hilfe an. Bald kamen deren Mütter vorbei, um zu schauen, was ihre Söhne an den Wochenenden so trieben und woher sie auf einmal frische Karotten und Kürbisse mitbrachten. Und ob es wahr war, dass da ein Mann im Viertel ein Feld bestellte. Irgendwann boten auch sie ihre Hilfe an. Ganz von selbst wurde der Garten zum Treffpunkt, zu etwas, an dem alle gemeinsam arbeiteten. Und in Hans Dieter Temps Kopf keimte eine Idee: Wäre es nicht grossartig, wenn die StadtbäuerInnen mit der Feldarbeit auch ihren Lebensunterhalt verdienen würden?

Weltweit gefragte Idee

Zu jener Zeit arbeitete Temp, der erst Betriebswirtschaftslehre und später Landwirtschaft studiert hatte, im Umweltamt von São Paulo, wo man ihn in der städtischen Landwirtschaft experimentieren liess. Sechs gemeinnützige Gärten baute er auf, bis die Regierung wechselte und er seinen Job verlor. Die Gärten wurden abgeschafft. «Ich stand da wie der Ochs vorm Berg», erzählt er heute. «Aber ich wollte es wenigstens versuchen.» Also setzte er sich hin und schrieb das Konzept für Cidades sem Fome.

Im Nachhinein erscheint sein Projekt so zwingend, dass man sich fragt, wieso vor ihm keiner darauf kam. Ähnlich verhält es sich mit seinem Gewächshausmodell: Ein handelsübliches Exemplar aus Aluminiumgestell kostet über 11 000 Franken. Zu viel, befand er und entwarf sein eigenes Modell aus Abwasserrohren. Durch jedes schob er eine Eisenstange, goss die Rohre mit Beton aus und montierte eine Dachkonstruktion aus Holz darüber – für halb so viel Geld.

Fast täglich bekommt Temp E-Mails aus Ländern wie Bolivien, Südafrika, Moçambique oder Indien. Die Leute wollen, dass er zu ihnen kommt und hilft, Gewächshäuser zu bauen und Gemeinschaftsgärten einzurichten. Doch zum Reisen fehlt ihm das Geld. Den Bau der Gewächshäuser hat er inzwischen auf seiner Website dokumentiert. Fragen, die er beantworten kann, beantwortet er. «Schön wäre es, im Gegenzug dafür Spenden zu bekommen», sagt er. «Aber die Leute haben ja selbst keinen Speck.»

Seine grösste Hoffnung ist, dass die brasilianische Regierung Cidades sem Fome eines Tages im grossen Stil nachahmt. Erste Anzeichen gibt es schon: VertreterInnen der Stadtverwaltung waren zu Besuch und interessierten sich für sein Modell. Kurz darauf schrieb das Umweltamt von São Paulo einen Förderwettbewerb aus, in dem es zehn städtische Landwirtschaftsprojekte mit umgerechnet je 37 000 Franken unterstützen will.

Zurück aufs Land

Cidades sem Fome könnte ein Erfolgsmodell für Städte auf der ganzen Welt sein. Vor zwei Jahren erhielt Temp für sein Engagement in Dubai eine grosse Auszeichnung, den International Award for Best Practices to Improve the Living Environment des Uno-Programms für menschliche Siedlungen. Im Herbst 2011 wurde er nach Montreal eingeladen und hielt beim Internationalen Forum für solidarische und soziale Ökonomie einen Vortrag vor TeilnehmerInnen aus über sechzig Ländern. Und letztes Jahr stellte er sein Projekt im brasilianischen Florianópolis vor, wo sich Interessierte aus ganz Lateinamerika versammelt hatten.

Bei solchen Gelegenheiten verschont Temp das Publikum mit Zahlen. Stattdessen spielt er einen Film ab, der die BäuerInnen von Cidades sem Fome bei der Arbeit zeigt. «Ich höre so viel Gejammer, dass die Regierung dieses oder jenes Projekt nicht unterstützt. Was soll das helfen?», fragt er. «Lieber zeige ich den Leuten, was man auch ohne staatliche Unterstützung auf die Beine stellen kann.»

Er selbst will sich allerdings in naher Zukunft aus Cidades sem Fome zurückziehen und dafür sorgen, dass seine MitarbeiterInnen das Projekt alleine weiterführen können. Seine Familie ist bereits weggezogen, zurück nach Agudo im Bundesstaat Rio Grande do Sul, von wo Temp mit achtzehn Jahren nach Rio de Janeiro losgezogen war. Er selbst pendelt derzeit noch zwischen Stadt und Land.

Seine nächste Mission ist bereits definiert. «Warum ziehen denn die Leute in die Stadt, in die Favelas?», fragt er und gibt die Antwort gleich selbst. «Schuld daran sind die vielen Monokulturen.» Tausende BäuerInnen würden jedes Jahr auf die Versprechen hereinfallen, dass sie mit dem Anbau von industriellen Rohstoffen schnelle Gewinne machen könnten. Darüber gehe aber das Wissen verloren, wie man sich mit einem Stück Land selbst versorgen kann. «Und sinken die Weltmarktpreise für Soja oder Tabak, treibt das dann gleich ganze Dörfer in den Ruin.» Deshalb legt Temp zusammen mit den BäuerInnen von Agudo inzwischen auch Gemüsegärten auf deren Höfen an. Nach und nach will er möglichst vielen von ihnen helfen, wieder komplett auf traditionelle Landwirtschaft umzusteigen – und damit eines Tages sein Projekt in São Paulo überflüssig werden lassen.