Nr. 06/2013 vom 07.02.2013

Mit guter Absicht ruiniert

Seit der Kulturrevolution prägen winzige, aber effiziente Betriebe die chinesische Landwirtschaft. Doch das ändert die Regierung jetzt.

Von Wolf Kantelhardt, Shiliqing (Text und Foto)

Das schöne neue Shiliqing: Für die neuen Häuser müssen die BäuerInnen des Dorfs in der Provinz Yunnan allerdings mit grösserer Abhängigkeit bezahlen.

Fünf Meter breit, glatt asphaltiert, die besonders steilen Abschnitte sogar sorgfältig gepflastert: Eine so gute Zufahrtsstrasse hätten sich die nur 27 EinwohnerInnen selbst niemals bauen können. Shiliqing, ein kleines Bergdorf der ethnischen Minderheit der Miao, hat vom grossen Infrastrukturprogramm der Yunnaner Provinzregierung profitiert. Es ist jetzt mit dem Auto in weniger als fünfzig Minuten von der Provinzhauptstadt Kunming aus zu erreichen. Natürlich nur, wenn nicht, so wie gerade jetzt, ein Bauer seinen riesigen alten hölzernen Pflug auf der Schulter nach Hause trägt und seine beiden Ochsen neben sich herlaufen lässt. Dann muss das Auto bremsen. Schon komisch: Wenn die Bauern von Shiliqing nicht mal Traktoren haben, für wen wurde dann die schöne neue Strasse gebaut?

Kurz nach deren Fertigstellung, im Herbst 2010, kam auf ihr jedenfalls ein Boss Wang aus der Nachbarprovinz Guizhou angefahren, gemeinsam mit VertreterInnen der Lokalregierung, die um den Anstieg von Investitionen im ländlichen Bereich bemüht waren. Boss Wang muss das teils sanft abfallende, teils terrassierte Land auf 2300 Metern Höhe gut gefallen haben. Denn jetzt hat es seine Firma für dreissig Jahre gepachtet und auf allen zu Shiliqing gehörenden Feldern Apfelbäume pflanzen lassen.

Auf insgesamt fünfeinhalb Hektaren ragen die knapp einen Meter hohen Setzlinge aus dem mit Plastikfolien überdeckten Boden. Und obwohl sie die ganze Arbeit gemacht haben: Richtig gefragt wurden die BäuerInnen aus Shiliqing nicht. Und wenn, dann höchstens so, wie einer der jüngeren Männer im Dorf erzählt: «Wenn ihr hier auf dem Berg wohnen bleiben wollt, dann unterzeichnet den Vertrag mit der Firma. Ihr wollt doch hier auf dem Berg bleiben, oder?»

Natürlich wollten sie auf dem Berg wohnen bleiben. Sechzig Prozent ihres mit 8000 Yuan (umgerechnet etwa 1160 Franken) recht mageren durchschnittlichen Jahreserlöses stammt aus dem Verkauf kleiner schwarzer Ziegen – dreissig bis fünfzig Stück hat jeder Haushalt. Die Alternative wäre gewesen, dass ihnen die Regierung eine kleine Wohnung am Stadtrand von Kunming gestellt und sich dann nicht weiter für sie verantwortlich gefühlt hätte. Dabei sind die EinwohnerInnen von Shiliqing alle eher schmächtig, und besonders gut Hochchinesisch sprechen sie auch nicht. Wie sollen sie da in Kunming eine Arbeit finden? Wenn es dort schon über zwei Millionen WanderarbeiterInnen gibt? «Da finden wir nichts zu tun», sagt einer der älteren Männer. Und die anderen nicken.

Das vorgegebene Entwicklungsmodell

Und ob es nun für Boss Wang oder für die von der Pekinger Zentralregierung angestrebte Nivellierung der Einkommensunterschiede war: Die Lokalregierung legte sich mächtig ins Zeug. Im Rahmen des Programms «Verstädterung des gesamten westlichen Berggebiets» wurden für alle acht Haushalte Shiliqings auf der benachbarten Bergkuppe zweistöckige Villen hingestellt, jede mit 180 Quadratmetern Fläche. Diese neuen Häuser stehen im Halbkreis um einen kleinen runden Versammlungsplatz, der mit aus Solarstrom gespeisten Strassenlaternen beleuchtet werden kann. Jedes Haus hat ausserdem eine eigene kleine Biogasanlage. Das ist schon ein Unterschied zu den alten Häusern, die oft nur aus einem einzigen Raum bestehen, eventuell mit einer auf halber Höhe eingezogenen Holzdecke, als Beleuchtung nur eine einzige nackte Glühbirne haben und wo die Kochstelle sich in einem Verschlag draussen an der Hauswand befindet. Sie brauchen nur zu unterschreiben, dann gehört das alles ihnen.

Also haben die BewohnerInnen von Shiliqing unterschrieben. Was hätten sie auch anderes tun sollen? Mit 27 Leuten nach Kunming ziehen und demonstrieren? Eingaben bei den Behörden oder Petitionsstellen machen? «Nein, das hätte keinen Sinn, in der ganzen Provinz Yunnan ist es überall so», sagt Kuang Rongping, Professor an der Südwestchinesischen Forstuniversität und der Universität Yunnan. «Das ist gängige Praxis, nichts Besonderes.»

Der 57-jährige Kuang geniesst als Akademiker einen hervorragenden Ruf und hat deswegen bei der Regierung einigen Einfluss: Das Landwirtschaftsministerium lädt ihn ein, wenn über Verbotsverfahren besonders giftiger Pestizide beraten wird, mehrere Kreisregierungen installierten auf seinen Rat hin auf den Feldern UV-Schwarzlichtlampen zur Schädlingsbekämpfung. Aber den BewohnerInnen von Shiliqing kann er auch nicht helfen. «Wenn irgendeinem Unrecht geschehen wäre, dann vielleicht. Aber dies ist das von der Regierung vorgegebene Entwicklungsmodell.»

Dabei muss alles immer sehr schnell gehen. Nicht zuletzt, weil die Regierungsbeamten alle drei Jahre auf einen anderen Posten versetzt werden. Wenn sie dabei befördert werden wollen, müssen sie innerhalb dieser drei Jahre Erfolge vorweisen können. Und so was geht mit einem Boss Wang, einem knapp vierzigjährigen Geschäftsmann, der immer schnell herausbekommt, was sein Gesprächspartner hören will, natürlich viel schneller als mit 27 Angehörigen einer Minderheit, bei denen vor allem die Älteren mit Fremden am liebsten überhaupt nicht reden.

«Firma plus Bauer»

«Das grösste Problem Shiliqings war früher der Wassermangel. Aber jetzt baute die Regierung auf einmal drei grosse Wassersammelbecken zusätzlich», sagt Chen Zhen, ein Mitarbeiter von Kuang. Daher auch die Betonregenrinnen am Rand der neuen Strassen: So kann Boss Wang im Frühjahr seine Obstbäume bewässern. Was dagegen in der Eile beim Villenbau vergessen wurde, das waren die Ställe für die Ziegen und Rinder. Eigentlich seltsam, denn im alten Dorf gibt es erheblich mehr Ställe als Wohnhäuser. Hinter den neuen Häusern wurde nachträglich je ein «Stall» gebaut, aber sie sind viel zu klein und völlig unpraktisch.

So kommt es, dass die BewohnerInnen immer noch nicht umziehen konnten. Tagsüber sind sie mit ihren Herden unterwegs, abends kochen sie bei ihren alten Häusern, und dann schleichen sie sich in die neuen Häuser, nur zum Schlafen – offiziell ist der Umzug noch nicht. Vielleicht, weil ihnen die neuen Häuser, solange sie noch ihre Herden haben, nicht so ganz überlassen werden. Vielleicht, weil sie selbst in Sorge sind, durch einen endgültigen Umzug den Vertrag zu besiegeln. Dazu will niemand im Dorf etwas sagen, nicht einmal die jungen Männer. Immerhin ist herauszubekommen, dass die BewohnerInnen von Shiliqing jedes Jahr für etwa dreissig Tage von Boss Wang gebraucht werden – zum Bäumeschneiden und Äpfelernten. Pro Arbeitstag bekommen Männer dafür zwischen sechzig und achtzig Yuan, Frauen fünfzig. Die ursprünglich vereinbarte Nutzungsüberlassung der Flächen zwischen den Apfelbäumen hat Boss Wang inzwischen widerrufen – er braucht den Platz für Erdnüsse.

«Die Regierung nennt das ‹Firma plus Bauer›», sagt Kuang. «Rein ökonomisch betrachtet hat das Vorteile: Shiliqing hat knapp 100 mu landwirtschaftliche Fläche [66 000 Quadratmeter, d. Red.]. Pro mu bekommen die Bauern jetzt 1000 Yuan Pacht im Jahr. Allein das liegt schon über dem, was die mit ihrer Viehzucht verdienen konnten. Dazu noch die 2000 oder 3000 für ihre Arbeit …» So jedenfalls wird es in den Berichten der Lokalregierung stehen. Aber wie bei den neuen Häusern, wo auf der grossen Tafel davor auch nicht steht, dass die BewohnerInnen zunächst 100 000 und später nochmals 60 000 Yuan zuzahlen sollen (was sie aber nicht können), ist auch das nicht die ganze Geschichte.

Der Produktivitätswahn

«Wenn die Bauern von einem Jahreseinkommen in Höhe von 8000 Yuan reden, dann ist das das Geld, das sie beim Verkauf der Ziegen und vielleicht noch für ihre Bohnen bekommen», erläutert Chen Zhen. «Aber ihre Kosten sind dabei genauso wenig berücksichtigt wie der Umstand, dass sie bisher ausser ein bisschen Reis weder Nahrungs- noch Futtermittel kaufen mussten. Das wurde selbst angebaut.» Sein Fazit: «Meiner Ansicht nach wird es den Leuten in Shiliqing schlechter gehen als vorher.»

Auch Kuang ist eher skeptisch: «‹Firma plus Bauer› schafft oft mehr Probleme, als es löst; die Bauern verlieren ihre Unabhängigkeit. Und ausserdem: Die Regierung redet immer nur von der Verbesserung der Produktivität und der Steigerung der Produktion.» Alles werde zur Verbesserung des Einkommens auf dem Land getan. «Aber wenn die Produktivität steigt, wo sollen dann die überschüssigen Arbeitskräfte hin? Zu viele Produkte lassen bloss den Preis sinken», sagt Kuang. Man müsste stattdessen die Kosten reduzieren, die die Landbevölkerung aufzubringen hat – etwa für die Behandlung von Krankheiten, für die Altersvorsorge, für die Bildung der Kinder. «Erst dann ginge es den Menschen wirklich besser.»

Aber es wird noch sehr lange dauern, bis sich diese Erkenntnis durchsetzt. Schon viel eher werden Autos auf der Strasse nach Shiliqing nicht mehr bremsen müssen – jedenfalls nicht wegen Ochsengespannen oder Ziegenherden.

Chinas Agrarpolitik

Schleichende Landnahme

Der Wandel vollzog sich rasch. Rund 24 000 landwirtschaftliche Volkskommunen gab es in China bis zum Tod von Mao Zedong (1976) und dem Ende der Kulturrevolution. Doch innerhalb von nur wenigen Jahren wurden 
die allermeisten aufgelöst. Schon 1984 waren 99 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in der Hand einzelner Haushalte – insgesamt 200 Millionen kleinbäuerlicher Betriebe mit einer durchschnittlichen Grösse von sechzig Aren. Im trockenen Nordchina sind die Grundstücke etwas grösser, in Südchina – wo bewässerte Reisfelder hohe Erträge bringen – haben Bauernfamilien oft nicht mehr als sechs Aren.

Trotz dieser teilweise winzigen Felder waren die Familienbetriebe in der Lage, zwanzig Prozent der Menschheit mit nur zehn Prozent der weltweit vorhandenen landwirtschaftlichen Anbaufläche zu ernähren – und China zum weltgrössten Produzenten von Agrargütern zu machen. Inzwischen geht aber sehr viel landwirtschaftliche Nutzfläche zugunsten der ausufernden Städte, der Industriegebiete, der Villenviertel, der Hightechparks, der Autobahnen, der «Naherholungsgebiete» mit Ausflugsrestaurants, Angelmöglichkeiten, Brettspielterrassen und Paintballschlachtfeldern oder an Unternehmen verloren, die auf markt- und exportorientierte Produkte (sogenannte Cash Crops) setzen. Seither muss China Getreide importieren.

Der Anteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche, der sich mittlerweile in Besitz von Unternehmen oder InvestorInnen befindet, ist regional sehr unterschiedlich. In einzelnen Gebieten Yunnans, in denen Tee, Gummi oder Medizinpflanzen angebaut werden, ist er teilweise sehr hoch; hier gibt es ganze Täler, die von Einzelpersonen oder -firmen kontrolliert werden. In der gesamten Provinz Yunnan sind es aber kaum mehr als zehn Prozent. In den Ebenen Ostchinas, wo sich die Felder viel leichter zusammenfügen lassen, ist der Anteil jedoch schon vier- bis fünfmal so hoch.

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