Nr. 06/2013 vom 07.02.2013

Vom Ich absehen

Von Florian Vetsch

Wer Clemens Umbrichts neuen Gedichtband «Museum der Einsichten» aufschlägt, wird mit einem vollsaftigen «Austernfrühstück» willkommen geheissen, einem Gedicht auf ein Stillleben des niederländischen Malers Pieter Claesz (1597–1660). Doch wie könnte es bei Umbricht (geboren 1960 in Reiden, lebt heute in Andwil SG) auch anders sein: Das Gegebene wirft Fragen auf. «Zwei Kelche, einer umgekippt, nicht wahr? / Der Maler ist fort. Ich weiss nicht / ob er zurückkehren wird / bevor die Austern verdorben sind.»

Augen-Blicke wie dieser sind es, die in Clemens Umbrichts neuen Gedichten erschlossen werden. Die fünf Abteilungen seines «Museums der Einsichten» heissen «Leer vom Hunger nach Licht», «Der Kontinent, den niemand kennt», «Doppelgänger beim Frühstück», «Britische und andere Impressionen» sowie «Anwesenheit, Abwesenheit».

Die Titel verweisen auf die Doppelung innerer und äusserer Schreibanlässe, die Umbrichts Poesie entfachen. Zugleich enthalten sie einen Wink auf das Thema der Identität, das diesen Dichter seit seinen Anfängen in den achtziger Jahren umtreibt. Umbrichts Lyrik legt dar, dass das Absehen vom Ich, die Verabschiedung fixer Identitäten, einen imaginären Raum für das Gedicht erobert.

So schreibt er, mit einem ironisch gebrochenen Lächeln, im Titelgedicht: «Alles in allem gilt es, den Weglosigkeiten furchtlos / ins Auge zu blicken. Besuchen Sie uns dort / wo die Erfahrung nicht hinreicht. // Weitere Auskünfte finden Sie in der Pressemitteilung / im Buch zur Ausstellung oder im Internet / unter www.museumdereinsichten.ch

In einem anderen Gedicht hält eine Strophe diese Stille im Land fest: «Ausser diesem Gedicht und dem nächsten / gibt es hier sowieso niemanden. / Nicht einmal dich.» Dennoch durchblüht eine sinnliche Welthaltigkeit, die von Amerika bis nach Asien reicht, Umbrichts Museum. Nicht zuletzt deswegen ist ihm mit diesem Band ein Meilenstein der Schweizer Gegenwartslyrik gelungen.

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