Nr. 07/2013 vom 14.02.2013

Scherben, aber kein Gericht

Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus: Fast gleichzeitig sind die Romane von Lucía Puenzo und Germán Kratochwil auf Deutsch erschienen, die ein dunkles Kapitel der argentinischen Geschichte beleuchten.

Von Valentin Schönherr

Lucía Puenzo weiss, wie man unangenehme Themen in die Öffentlichkeit bringt. Unlängst hat die 39-Jährige die Dreharbeiten zu «Wakolda» abgeschlossen; die Verfilmung ihres Romans, bei der sie selbst Regie führt, soll im Mai in die argentinischen Kinos kommen.

Im Roman erfindet Puenzo eine Episode der Fluchtgeschichte des KZ-Arztes Josef Mengele in Argentinien. Die Handlung setzt 1959 ein, als sich die Anzeichen verdichten, dass Mengele aktiv gesucht wird, nachdem er die Jahre zuvor weitgehend unbehelligt in Buenos Aires gelebt hat. So reist er quer durchs Land und findet vorläufig Unterschlupf im patagonischen Anden-Skiort Bariloche. Aber auch hier wird es eng für ihn – Mengele erfährt, dass der Mossad in Buenos Aires Adolf Eichmann gekidnappt hat, begegnet einer Israelin, die ihm auf den Fersen zu sein scheint, und setzt sich im letzten Moment nach Paraguay ab.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann (1961), Simon Wiesenthals Enthüllungsbuch «Und die Mörder leben» (1967) und Frederick Forsyths Roman «Die Akte Odessa» (1972) haben die Flucht von Nazitätern nach Argentinien öffentlich bekannt gemacht. Nun lässt Puenzo in ihrem Roman zwar nicht gleich auch den Mythos der Fluchthilfeorganisation Odessa («Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen») neu aufleben – die spektakuläre Flucht des prominenten NS-Täters Josef Mengele ins Zentrum zu rücken, ist jedoch zunächst nicht sehr originell. Seit sich die fachwissenschaftliche und auch öffentliche Aufmerksamkeit anderen Dingen zugewendet hat, haben wir es längst mit einem differenzierteren Bild zu tun.

Späte Aufarbeitung

Ihren späten Anfang genommen hat die Aufarbeitung der Verstrickungen mit Nazideutschland in Argentinien 1998, als die Regierung unter Präsident Carlos Menem eine Kommission einrichtete, die Licht in dieses Kapitel bringen sollte: die Ceana. Nach dem verheerenden Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum Amia in Buenos Aires 1994 war Menem Untätigkeit vorgeworfen worden; 1996 hatten zudem Veröffentlichungen über die Goldtransaktionen der Schweizerischen Nationalbank während des Zweiten Weltkriegs Hinweise enthalten, dass auch Argentinien in den Handel mit dem Nazigold verwickelt sein könnte.

Die Kommission diente Menem wohl eher dazu, Vorwürfe zum Verstummen zu bringen, als die argentinische Nazivergangenheit aufzuarbeiten. Regierungsbehörden haben die Arbeit der Ceana denn auch nach Kräften hintertrieben – Akten wurden manipuliert, Dokumente zurückgehalten, der Abschlussbericht von 1999 stiess auf vernichtende Kritik. Die eigentliche Aufklärung leisteten HistorikerInnen ausserhalb der Ceana (vgl. «Die Entdeckung eines schändlichen Dokuments» im Anschluss an diesen Text).

Mit den Mitteln der Literatur leistet Puenzo durchaus ihren Beitrag dazu. Spannender als die Figur Mengele sind in «Wakolda» aber die Fragen, die sie aufwirft: Was bedeutete es für die ArgentinierInnen, mit den geflohenen Nazis zu tun zu bekommen, wissentlich oder unwissentlich? Warum diese Affinität so vieler wichtiger Kräfte zu Nationalsozialisten? Welche Spuren sind heute in Argentinien noch übrig?

Irgendwo in der argentinischen Provinz lässt Puenzo Mengele mit einer argentinischen Familie zusammentreffen, die nichts von seiner Vergangenheit ahnt. Zunächst ist es die zwölfjährige Lilith, die ihm wegen ihrer blonden Haare und ihrer Kleinwüchsigkeit auffällt und deren Vertrauen er gewinnt. Die Familie ist unterwegs zu einem Ferienort bei Bariloche, wo sie ein Hotel übernimmt – Mengele wird ihr erster Gast. Hier kann er in Liliths Nähe bleiben und sie beobachten; zugleich ist Bariloche ein Sammelbecken für geflüchtete Nazis, deren geheime Netzwerke er nutzt. Und da Liliths Mutter Eva mit Zwillingen schwanger ist, kann sich der gnadenlose Experimentator – der in Auschwitz auch Versuche mit Zwillingen vornahm – erneut an Menschen vergreifen. Er überzeugt die Familie von seinen Fähigkeiten als Arzt, verabreicht Lilith Wachstumshormone und erhält Zugriff auf die unter Komplikationen entbundenen Zwillinge.

Überzeugend vermittelt Puenzo, wie Mengeles geheimniskrämerische Zudringlichkeit die Familie verunsichert: Enzo, der Vater, versucht die Distanz zu wahren, weil er den Gast instinktiv fürchtet, und drängt auf dessen Abreise. Eva hingegen ist so geschwächt, dass sie ihn gewähren lässt – und in Lilith behält die Faszination für die Wirkung der Spritzen und die charmante Vertraulichkeit des Arztes die Oberhand. In dieser Konstellation wird etwas sichtbar von der widersprüchlichen Aufnahmebereitschaft bei den einen, der moralisch gerechtfertigten Ablehnung bei den anderen, die es ja in Argentinien ebenfalls stets gab.

Dass «Wakolda» trotzdem nicht überzeugt, steht auf einem anderen Blatt: Wie schon in «Fischkind» kocht Puenzo zu viele Gerichte auf einmal – und kann so den spektakulären Stoff nicht bändigen; es scheint einmal mehr, als habe die Autorin bereits den Film im Kopf gehabt.

Ein illustres Treffen

Noch ein Roman begibt sich auf die Spuren von Nazis in Argentinien: «Scherbengericht», das späte Debüt des 75-jährigen austroargentinischen Sozialwissenschaftlers Germán Kratochwil, spielt am 1. Januar 2000 in den patagonischen Anden, wo ein illustres Grüppchen zu einem Familienfest zusammenkommt. Auch hier sind es keineswegs nur Nazis, die sich zu Clementines 90. Geburtstag treffen: Der alte Bauer Treugott verehrt Fidel Castro, Psychiater Dr. Königsberg hat das KZ Mauthausen überlebt, und Martin ist Rechtsberater für indigene Organisationen. Clementine selbst aber pflegt alte Überzeugungen, für die sie wohl als NS-Mitläuferin eingestuft worden wäre. Und dann ist da noch Siegmund Rohr, der tatsächlich ein entkommener Verbrecher ist: Er war Aufseher in – Zufall hin oder her – Mauthausen.

Geschickt begleitet Kratochwil die einzelnen Figuren auf ihrem Weg zum Fest, flicht ihre Lebensgeschichten ein, ihre Erwartungen und Befürchtungen – und schliesslich sitzen sie alle gemeinsam am Tisch. Dort passiert dann aber nicht, was man erwartet hätte: kein «Scherbengericht» im antiken Sinn, keine Auseinandersetzung über Schuld und Leiden, schon gar kein Urteil. Was in Scherben fällt, ist eine böhmische Kristallschüssel, ein Erinnerungsstück aus Europa. Kaputt gehen aber auch der Verstand eines Unverbesserlichen, eine Zahnprothese, die Feier sowieso. Ein irritierender Schluss für diese grosse Geschichte. Ob das heissen soll: «Nun lass mal gut sein, das von früher ist alles nicht mehr wichtig», oder: «Wir sind für diese Dinge zu alt, das müssen nun andere auf sich nehmen» – das bleibt verstörend offen.

Es mag Zufall sein, dass zwei Romane mit diesem Stoff fast gleichzeitig auf Deutsch erscheinen. Kein Zufall ist, dass in beiden neben dem Verhältnis zwischen Nazis und ArgentinierInnen auch jenes zwischen europäischstämmigen ArgentinierInnen und den indigenen Mapuche thematisiert wird. Bei Puenzo ist Wakolda der Name der Stoffpuppe eines Mapuchemädchens. Wenn die Auseinandersetzung mit den Nazis eine Spiegelung im Verhältnis zu den UreinwohnerInnen erfährt, haben wir es hier mit einem noch fast unbekannten Terrain zu tun; die Ausrottung fast aller Indigener im 19. Jahrhundert und die Entrechtung und Verdrängung der Überlebenden bleiben ein Tabu in Argentiniens Öffentlichkeit.

«Zirkular 11»

Die Entdeckung eines schändlichen Dokuments

Beatriz Gurevich, Uki Goñi und Holger Meding legten in den letzten Jahren fundamentale Arbeiten zur Verstrickung Argentiniens mit dem Nationalsozialismus vor. Besonders Goñis «Odessa. Die wahre Geschichte» sorgte 2002 für Aufsehen. Darin spricht Goñi auch über das «Zirkular 11» von 1938, eine geheime Anordnung des argentinischen Aussenministeriums an die Botschaften in Europa, JüdInnen die Einreise nach Argentinien zu verweigern.

Goñi, dessen Grossvater in den dreissiger und vierziger Jahren selbst Botschafter war, hatte das Wissen über das schändliche Dokument lange mit sich herumgetragen. Überall war es nach dem Krieg vernichtet worden, nur in Stockholm fand sich ein Exemplar – und war rein formal sogar immer noch gültig. Erst 2005 setzte es Präsident Néstor Kirchner öffentlichkeitswirksam ausser Kraft.

Die Idee hinter dem «Zirkular 11» wurde gar in den ersten Jahren nach 1945 weiter praktiziert: Wer bei seinem Visumsantrag unter Religion «jüdisch» eintrug, erhielt keine Einreisegenehmigung. Viele jüdische Flüchtlinge, die dem europäischen Nachkriegschaos und dem nach wie vor virulenten Antisemitismus entkommen wollten, trugen deshalb «katholisch» ein. Diana Wangs 2004 erschienenes Buch über Kinder, die den Holocaust überlebten und nach Argentinien kamen («Die versteckten Kinder», deutsch 2012), erzeugte ein so grosses Echo, dass Kirchner 2005 die symbolische Bereinigung der Unterlagen der argentinischen Ausländerbehörde anordnete.

Noch scheint längst nicht alles gesagt. Frank Garbely untersuchte in «Evitas Geheimnis» (2003) die Beziehungen zwischen Peróns Argentinien und der Schweiz im Jahr 1947, Gerald Steinacher warf in «Nazis auf der Flucht» (2008) Licht auf die Südtiroler Etappe der «Rattenlinie», Bettina Stangneth ging in der Studie «Eichmann vor Jerusalem» (2011) den argentinisch-bundesdeutschen Beziehungen in den 1950er Jahren nach.

Valentin Schönherr

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch