Nr. 07/2013 vom 14.02.2013

Die Melancholie eines Dissidenten

Von Adrian Riklin

Jochen Kelter, 1946 in Köln geboren und seit über drei Jahrzehnten in Ermatingen TG am Bodensee und in Paris wohnhaft, ist als präziser Lyriker ebenso bekannt wie als eleganter Prosaist. Und vor allem auch als kritischer Essayist: Das lässt sich im Band «Der Sprung aus dem Kopf. Essays und Texte 1981–2011» nachlesen.

Es spiegelt sich darin die Topografie, die Kelters Denken prägt: Schweiz, Deutschland, schweizerisch-deutsches Grenzgebiet, Paris. Die meisten Texte sind zuvor in Zeitungen, Zeitschriften oder Anthologien erschienen (auch in der WOZ). Doch finden sich in dem Band auch Erstdrucke wie ein Text über «Mythos, Geschichte und Gegenwart der Gotthard-Region», den Kelter für einen Dokumentarfilm verfasste. Erstmals zu lesen ist zudem der «Offene Brief an den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg». Darin erzählt Kelter, wie 1974 in Baden-Württemberg seine «Verfassungstreue» infrage gestellt wurde (aufgrund von Mitgliedschaften in linken Gruppierungen) – und er so als Lehrbeauftragter an der Uni Konstanz erhebliche Probleme bekam: «Ausgerechnet nachdem in der alten Bundesrepublik zum ersten Mal die SPD zusammen mit den Liberalen die Regierung stellte und die von Nazis durchsetzte, verknöcherte Adenauer-Republik überwinden sollte, wurde der ‹Radikalen-Erlass› aus der Taufe gehoben.»

Ob er nun die Verschandelung der Bodenseeregion beschreibt oder das Ende der Regionen beklagt: Immer wieder schafft es Kelter, persönliche Erfahrung und gesellschaftliche Entwicklung zusammenzubringen. So ist der Band ein ebenso zeitkritisches wie zeitgeschichtliches Dokument. Aussergewöhnlich auch die Beharrlichkeit, mit der Kelter die Auswirkungen der Globalisierung in dieser Zeitspanne reflektiert. Immer wieder ist aus den Zeilen die Melancholie eines Dissidenten zu hören, der nirgends heimisch wird. WOZ-Autor Stefan Keller schreibt im Nachwort: «Ob Gedichte, Essays, Erzählungen, Roman: Kelters Sprache würde ich im Blindtest erkennen.»

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