Nr. 08/2013 vom 21.02.2013

Die Welt im Sprachfieber

Von Roman Schürmann

Ungeheuerliches passiert. Kinder sprechen – und verletzen damit ihre Eltern; nicht im übertragenen Sinn, wohlverstanden. So beginnt das «Flammenalphabet» des US-amerikanischen Autors Ben Marcus.

Schliesslich siechen alle Erwachsenen dahin, wenn sie mit Sprache in Berührung kommen, werden schwächer, kleiner. Es bleibt ihnen nichts, als vor den Kindern, die als einzige immun gegen die Epidemie sind, zu fliehen.

Ben Marcus erzählt dies aus der Sicht von Samuel, der mit seiner Frau Claire und der geliebten Tochter Esther in der Nähe von New York lebt. Die Normalität zerbricht bereits im ersten Satz: «Wir gingen an einem Schultag, damit Esther uns nicht sah.» Auf der Flucht vor ihr muss Samuel auch Claire zurücklassen – und rettet sich in eine Art Labor in Rochester.

Dort wird ein Serum entdeckt, das – temporär – die Krankheit bannt. Herstellung und Wirkung des Serums sind moralisch und gesundheitlich indes fragwürdig. Um das vorliegende Buch schreiben zu können, fängt Samuel, inzwischen aus dem Labor entwichen, Kinder ein und gewinnt aus ihnen das Serum. Wie ist es zu rechtfertigen, anderen Leid zuzufügen, um davon zu profitieren? Samuel findet keine Antwort und schreibt das Buch fertig. Aber er stellt fest, dass das Serum sein Augenlicht schwächt und die Nacht sich ausbreitet.

«Flammenalphabet» ist einfacher zu lesen als frühere Bücher von Marcus – aber immer noch eine schöne Knacknuss. Die abstrusen Geschehnisse sind eng mit Samuels mäandrierenden Gedanken verknüpft. Wenn wir uns Marcus mutig anvertrauen, erfahren wir mehr über uns und die Welt, als der Text zunächst vermuten lässt. Oberflächlich dreht sich vieles um die auseinanderbrechende Familie, um den Schmerz, die Tochter zu verlassen und die Ehefrau zu verlieren, aber das Buch ist vielschichtiger; raffiniert zeitkritisch, in einer dichten, fast poetischen Sprache. Lesen wir es, solange wir noch können.

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