Nr. 08/2013 vom 21.02.2013

Der bessere Mensch sollte vor allem fit sein

Von Stefan Howald

Natürlich möchte Stefan Maiwald nicht wirklich, wie es im Buchtitel heisst, ein Engel werden. Das ist, wie alles an diesem Buch, witzig und ironisch gemeint. Er möchte nur ein bisschen ein besserer Mensch werden, etwas ausgeglichener, etwas fröhlicher. Dazu unternimmt er hundert Tage lang 23 Selbstversuche. Also geht es los, von Krafttraining über Alkoholentzug und Shakespeare-Lektüre bis hin zu Karate und Feng-Shui.

Maiwald schreibt laut Klappentext für verschiedene Magazine, vom «Geo» bis zur «Freundin», und hat zwei Bücher über das gute Leben eines eingeheirateten Deutschen in Italien verfasst. Er verfügt über das, was auch in der Schweiz eine flotte Schreibe genannt wird. Zu den Methoden seiner Selbstversuche hat er jeweils ein wenig recherchiert, auf gehobenem Wikipedia-Niveau, und das liest sich schnell und durchaus amüsant, eben flott. Man muss das ja alles, meint Maiwald, nicht so ganz ernst nehmen. Im Zweifelsfall kann er sich immer noch in das ungleich entspanntere Leben in Italien zurückziehen, die Politik mal ausgeklammert. So lässt sich über den westlichen Boom an fernöstlichen Lebenstechniken spötteln und sie zugleich selbst nicht gar zu schlecht finden.

Stefan Maiwald schreibt ironisch über Selbsthilfebücher und liefert dabei zugleich eines, und zwar eines mit ziemlich schamlosem Product Placement. So weit, so modisch.

Dadurch lässt sich das Buch allerdings als interessantes Symptom lesen: Was erachtet ein deutscher Mann, 42 Jahre alt, halbwegs erfolgreich, als verbesserungswürdig? Nachdem Maiwald einen einsamen Inselaufenthalt nach drei Tagen abgebrochen hat, meint er, der Mensch sei ein geselliges Tier und nicht für die Einsamkeit geschaffen. Seine Versuche aber zielen alle aufs vereinzelte Individuum. Nirgends auch nur die Idee, dass man gemeinsam besser werden könnte. «There is no such thing as society», wie Margaret Thatcher zu sagen pflegte. Insbesondere geht es um viel Körperbildung: Fitnessübungen, Hochfrequenztraining, Karate, «Krieger-Diät». Das, was man mit Michel Foucault etwas grossspurig «Biopolitik» nennen könnte: den Körper fürs Arbeitsleben fit machen. Willkommen im Neoliberalismus. Ohne Ironie.

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