Nr. 08/2013 vom 21.02.2013

Das Leben vor der Lasagne

Von Bettina Dyttrich

Obwohl es nicht einfach ist, sich das vorzustellen: Auch eine Fertiglasagne besteht aus Pflanzen und Tieren, die einmal gelebt haben. Die Tomaten sind irgendwo gewachsen, ziemlich sicher nicht an der Sonne, sondern hors-sol in einem Gewächshaus. Das Getreide für den Nudelteig wird die Sonne zwar gesehen haben, stammt aber vielleicht von drei verschiedenen Kontinenten. Und das Fleisch? Das wissen wir jetzt etwas genauer.

In den ersten Tagen des «Pferdefleischskandals» lag es nahe, von einem Luxusproblem zu reden: Ist es so schlimm, dass einige Leute Pferd gegessen haben, die Rind essen wollten? Doch dann wurden in britischem – noch nicht verarbeitetem – Pferdefleisch Medikamentenrückstände nachgewiesen, Tierquälereivorwürfe wurden laut.

Bedenklich ist die Geschichte nicht nur wegen dieses zusätzlichen Skandals. Sondern weil sie die Strukturen offenlegt, die sich im europäischen Lebensmittelhandel gebildet haben. Es sind jene Strukturen, die alle Jahre wieder zu Dioxin im Hühnerfutter führen. Oder zu gefälschten Biolebensmitteln wie 2011 in Italien. Nach besseren Kontrollen zu rufen, ist sicher nicht falsch – aber wenn der Weg der Waren von Rumänien via Niederlande nach Zypern und weiter über Frankreich und Luxemburg nach Britannien führt und auch noch die Mafia mitmischt, ist perfekte Kontrolle eine Illusion.

Natürlich gibt es eine Alternative: eine möglichst regionale Versorgung. Aber dafür genügen bewusste KonsumentInnen nicht. Es braucht auch eine Agrarpolitik, die regionale Strukturen und Vertriebsmöglichkeiten fördert. Das finge damit an, dass der Direktverkauf in der landwirtschaftlichen Arbeitszeitberechnung berücksichtigt wird, wie es BäuerInnen schon lange fordern.

Dass Waren immer billiger werden, je weiter sie herumgeschoben werden, ist nur mit Energieverschwendung, dreckigen Transporten und Ausbeutung von Mensch und Tier möglich. Wenn der «prix» immer tiefer sein muss, leidet irgendwann die «qualité». Alle, die immer nach Agrarfreihandel und billigen Lebensmitteln rufen – hallo, SP –, sollten mal darüber nachdenken.

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