Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Mit Powerpoint hinein in die Wertedebatte

Wer die Welt verstehen will, kommt um Karl Marx’ Hauptwerk «Das Kapital» nicht herum. Wenn nur die Lektüre einfacher wäre! Nun bietet ein Buch der Rosa-Luxemburg-Stiftung Einstiegshilfe.

Von Ulrich Weigel

Die vielfältigen Krisenerscheinungen der letzten Jahre verlangen nach Erklärungen und grundlegenden Analysen. Das hat auch dem systemkritischen Denker Karl Marx zu neuer Aufmerksamkeit und Popularität verholfen.

Die politisch unverdächtige führende deutsche Wirtschaftszeitung – das «Handelsblatt» – hat das «Kapital» von Karl Marx in die Liste der fünfzig besten Wirtschaftsbücher aufgenommen. Neben der Bibel und dem Koran gilt es dem «Handelsblatt» als das «wirkungsmächtigste Druckwerk aller Zeiten». Dieser Lektüreempfehlung kann man immerhin entnehmen, dass es sich auch 146 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen des Werks immer noch lohnt, die marxsche Kapitalanalyse zu studieren.

Ein leichtes Unterfangen ist diese Lektüre allerdings keineswegs. Die drei blauen Bände («Kapital» I bis III) sind anspruchsvoll zu lesen, sperrig, ja ungewohnt im analytischen Vorgehen und in der Begrifflichkeit sowie im Umfang mit rund 2000 Seiten (für alle drei Bände) schlicht eine ziemliche Herausforderung.

Dem neu erwachten «Kapital»-Lesebedürfnis will die Publikation «Polylux Marx» in besonderer Weise gerecht werden. «Polylux Marx» besteht aus einer illustrierten und kommentierten Foliensammlung zum ersten Band des «Kapitals». Auf 117 Folien werden einführende Bemerkungen sowie die wesentlichen Inhalte des ersten Bands präsentiert und knapp kommentiert. Dem gedruckten Werk liegt ferner eine CD bei, die den Foliensatz animiert in unterschiedlichen Formaten enthält.

Laut vorlesen, länger verweilen

Der Folienband wendet sich in erster Linie an sogenannte TeamerInnen, die das Original bereits kennen und einen «Kapital»-Lesekurs abhalten wollen. Der Begriff «TeamerInnen» stammt aus der politischen Bildungsarbeit und zielt auf die gemeinsame, möglichst hierarchiearme Leitung von Gruppen. Die TeamerInnen bekommen mit «Polylux Marx» eine Lektüre- und Diskussionshilfe an die Hand, die das «Kapital»-Studium nicht ersetzen, aber begleiten, erleichtern und verständlicher machen kann.

Natürlich eignet sich das Begleitmaterial auch für die Lektüre im Selbststudium. Die Folien enthalten überdies didaktische Empfehlungen wie lautes Vorlesen, längeres Verweilen oder gemeinsame Lektüre, die das Studium in Gruppen unterstützen.

Aber was wird inhaltlich geboten? Nachdem im Vorwort von «Polylux Marx» eigene Erfahrungen mit Lesekreisen thematisiert und, darauf aufbauend, erste gruppendynamische Handlungsanweisungen gegeben werden, betont das AutorInnenkollektiv die Aktualität der marxschen Kapitalismusanalyse.

Mit einem kurzen Abriss über die Entstehungsgeschichte und dem Aufbau der «Kapital»-Bände beginnt der Einstieg. Den Grossteil der Folien haben die AutorInnen dem schwierigen Anfang des ersten Bands gewidmet, der sich mit den Kategorien «Ware», «Wert», «abstrakte Arbeit» und «Geld» beschäftigt. Auch dem Thema «Fetischcharakter der Ware» sind verschiedene Folien gewidmet. Knapp und prägnant werden zum Beispiel die Inhalte «Ware Arbeitskraft», «Mehrwertproduktion», «Arbeitslohn» sowie «Akkumulation des Kapitals» beschrieben. Und am Ende steht Marx’ häufig zitierter Satz vom «stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse», der «die Herrschaft des Kapitals über den Arbeiter» besiegelt.

Die «Polylux Marx»-AutorInnen machen schon zu Beginn unmissverständlich klar, dass sie die «Kämpfe der Sekundärliteratur» nicht bedienen wollen – das «Kapital» soll ohne vorgefertigte Meinungen und Positionen begriffen werden. Man darf von diesem Begleitmaterial also keine Klärungen der in der «Kapital»-
Rezeption offengebliebenen Fragestellungen erwarten.

Unterschiedliche Lesarten

Allerdings stellt auch die Auswahl und Kommentierung notwendigerweise eine Lesart dar. Dies zeigt sich insbesondere bei der Beschreibung der Begriffe «abstrakte Arbeit» und «Wert», die vom «Polylux»-AutorInnenkollektiv vage als gesellschaftliche Kategorien eingeführt werden. In der Quintessenz fasst es darunter die Prozesse der Anerkennung und der Gleichsetzung im Tausch, also die Austauschverhältnisse der Waren. Mit anderen Worten: Der Wert entsteht für die «Polylux Marx»-AutorInnen erst, wenn die Ware auf dem Markt ist und dort einen Preis findet. Aber es gibt auch eine Interpretation, derzufolge der Wert einer Ware bereits gegeben ist, bevor sie sich in einem Preis ausdrückt. Hier bleibt das Buch unklar. Wo entsteht der Wert denn nun tatsächlich: in der Zirkulation oder in der Produktion?

Und zur abstrakten Arbeit heisst es in «Polylux Marx»: «Abstrakte Arbeit ist die Reduktion der im Tausch sich gegenüberstehenden konkreten Arbeiten auf gleiche menschliche Arbeit (…). Die gesellschaftliche Bestimmung der abstrakten Arbeit, das spezifisch Kapitalistische dieser Kategorie, wird erst im Laufe klarer.» Doch das wird leider auch später nicht viel klarer, denn die AutorInnengruppe unterlässt es, die Mehrwertproduktion, die in der ständigen Aneignung von Mehrarbeit gründet, mit der abstrakten menschlichen Arbeit zu verknüpfen.

Angesichts der rastlosen Bewegung des Gewinnens, des Anspruchs des Kapitals auf fortwährende Verwertung, wird offensichtlich, warum Marx von der «Gleichheit und gleichen Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind» sprach. Erst das Kapital (und nicht der Tausch), das bei Marx als sich verwertender Wert gefasst und vom beständigen Heisshunger nach Mehrarbeit unablässig befeuert wird, reduziert alle konkret-nützlichen Arbeiten auf die blosse Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Dem Kapital gegenüber gilt jede Arbeitskraft als gleich nützlich und gleich gültig für die Verwertungsbewegung – genau dies ist das Historisch-Spezifische der kapitalistischen Produktionsweise.

Lücken bei Marx

Bei ihrer Beschreibung des von Karl Marx konstatierten Übergangs von der Geldzirkulation (Ware-Geld-Ware, kurz W-G-W) zur Kapitalzirkulation (Geld-Ware-mehr Geld, kurz G-W-G’) weisen die AutorInnen zu Recht darauf hin, dass es dafür im «Kapital» keine kategoriale Begründung gibt. Allerdings bietet ihr Verweis auf die Darlegung in den «Grundrissen» (Marx-Engels-Werke Band 42) keine erhellenden Einsichten, da dort jenseits dialektischer Wortspiele ebenfalls keine grundsätzliche Fundierung erfolgt. Diese Schwächen sind allerdings in erster Linie dem Autor des «Kapitals» und nicht der Berliner AutorInnengruppe anzukreiden.

Insgesamt ist die «Polylux Marx»-Foliensammlung aufgrund ihrer Kompaktheit, der Formatvorlagen und der didaktischen Lese- und Diskussionsratschläge ein für die Bildungsarbeit gut geeignetes Begleitmaterial zur «Kapital»-Lektüre.

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