Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Dabei sind die LandräuberInnen doch alle so schrecklich nett

Profit auf Kosten menschlicher Grundbedürfnisse: Zwei Journalisten haben die Landnahme von Firmen und Staaten in den Ländern des Südens genau verfolgt.

Von Bettina Dyttrich

Da hatten zwei die gleiche Idee. Kein Wunder: Land Grabbing, die Praxis von Firmen und Regierungen, in armen Staaten Land für die kommerzielle Bewirtschaftung zu pachten, hat in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt. Und so reisten der italienische Journalist Stefano Liberti und der britische Journalist Fred Pearce um die Welt und suchten nach Spuren des neuen Landraubs. Sie waren zum Teil in denselben Regionen, trafen hin und wieder sogar die gleichen Leute. Trotzdem sind ihre Bücher unterschiedlich ausgefallen.

Stefano Liberti, ganz der Reporter, stellt erst mal Fragen. In Äthiopien trifft er den Manager eines riesigen Gemüsebetriebs, der für die Golfstaaten produziert. Er folgt der Spur nach Saudi-Arabien: Das Scheichtum hat lange versucht, sich selbst zu versorgen, baut heute noch Getreide an und hält sogar Milchkühe mitten in der Wüste. Doch nun geht das Grundwasser aus, darum sucht Saudi-Arabien Land in anderen Staaten.

In Chicago trifft Liberti Trader, die mit Soja handeln, ohne je eine Bohne in der Hand gehabt zu haben. Er besucht Menschen in Brasilien und Tansania, die ihr Land ans Agrobusiness verloren haben. Dazwischen nimmt er an Kongressen teil und durchleuchtet die Argumente von InvestorInnen, kleinbäuerlichen Organisationen und der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO.

Gut für Iowa, schlecht für die Welt

Libertis Vorgehen überzeugt: Er schaut genau hin, ist hartnäckig und macht mit anschaulichen Beispielen die Mechanismen des Agrarhandels verständlich. Sehr aufschlussreich sind etwa die Kapitel über den US-Bundesstaat Iowa, wo der Maisanbau für Treibstoff boomt: Weil wegen der Treibstoffproduktion die Nachfrage stark gestiegen und Mais also knapp geworden ist, haben die Preise angezogen. «Indem wir aus Mais Ethanol machen, haben wir die Zukunftschancen unserer jungen Leute verbessert, die zurückkommen, um auf den Feldern zu arbeiten», sagt Ethanolfabrikant Ray Defenbaugh. Treibstoff aus Mais ist ein Irrsinn, die Energiebilanz miserabel. Aber Iowa hat er Vorteile gebracht. Defenbaugh und seine Mitstreiter argumentieren sogar friedenspolitisch: Für diesen Treibstoff müsse niemand in den Krieg ziehen.

Defenbaugh ist ein netter Kerl – einer von vielen, die Liberti trifft. Sie glauben ernsthaft, mit Investitionen in Land und das Agrobusiness etwas Gutes zu tun. Anfangs ist der Autor irritiert, bis er versteht: Es geht nicht um einzelne Bösewichte. Das Böse steckt im System. Das ist eines der grossen Verdienste von «Landraub».

Nur in der agroindustriellen Wüste Brasiliens bricht die Gewalt durch. Zuckerrohrfarmer Celso Dal Lago benimmt sich wie ein König auf seinen Ländereien, während die Guaraní, die ursprünglichen BesitzerInnen des Landes, in Hütten am Strassenrand hausen. «Wir haben nicht genug gekämpft», sagt einer von ihnen zu Liberti.

Auch Fred Pearce ist in viele Länder gereist. Doch er setzt weniger auf die Reportage, sondern möchte einen möglichst vollständigen Überblick über die laufenden Landnahmen geben. Dabei wird er sehr ausführlich, manchmal zu ausführlich: Unmengen von Zahlen, Firmen und Personen mit verwickelten Beziehungen machen den Überblick nicht einfach. Aber diese Faktenüberdosis hat auch ihre guten Seiten: Sie macht das Ausmass der Plünderung klar, die gerade abläuft.

Pearce fasst den Begriff «Land Grabbing» weiter als Liberti und schreibt nicht nur über landwirtschaftliche Projekte, sondern auch über die Holzindustrie und, besonders heikel, Landnahmen aus Umweltschutzgründen. Etwa in Patagonien oder in den afrikanischen Nationalparks, wo SafaritouristInnen mehr Rechte haben als die Bevölkerung.

Immer wieder trifft Pearce KleinbäuerInnen, denen es bis vor kurzem relativ gut ging: Sie konnten sich mit Ackerbau, Viehzucht und Sammelwirtschaft abwechslungsreich ernähren. Nun haben sie ihr Land verloren, und es bleibt ihnen nicht viel übrig, als sich als LandarbeiterInnen zu verdingen oder anderswo Arbeit zu suchen.

Angeblich ungenutztes Land

In vielen Ländern des Südens versuchen Regierungen, InvestorInnen anzulocken, und unterbieten sich dabei gegenseitig: ein Dollar Pacht pro Hektare, ein halber Dollar – oder sogar Gratispacht. Dabei nehmen sie die Vertreibung der eigenen Landbevölkerung in Kauf. Zum Beispiel in Kambodscha, wo die Regierung mit allen Kräften den Zuckerrohranbau fördert, weil die EU für Zucker hohe Preise zahlt: eine entwicklungspolitisch gemeinte Politik, die perverse Folgen hat – das Geld kommt nicht bei den Armen an. Ähnliche Beispiele gibt es Dutzende in beiden Büchern.

Am meisten Land ist in Afrika zu holen. Doch was InvestorInnen als «ungenutzt» bezeichnen, ist Weideland nomadischer HirtInnen. Sie haben keine Lobby, westliche UmweltschützerInnen werfen ihnen Überweidung und Bodenzerstörung vor. Überweidung gibt es tatsächlich, aber sie ist fast immer die Folge davon, dass HirtInnen durch neue Äcker oder Staatsgrenzen von ihren Wanderrouten abgeschnitten wurden. Fred Pearce glaubt, dass die politischen Turbulenzen im Nahen Osten und in Nordafrika damit einen Zusammenhang haben: «Die Rache der Viehhirten scheint von Afghanistan bis nach Westafrika zu einem bedeutenden politischen Faktor zu werden.»

Beide Bücher sind empfehlenswert, wenn auch Stefano Libertis «Landraub» eindeutig lesefreundlicher ist als Fred Pearces «Land Grabbing». Beide Bücher zeigen, dass sich global ein Konflikt zuspitzt: Profit gegen Nahrung, Kapitalismus gegen die Bedürfnisse der meisten Menschen. «Diese Konflikte werden sich auf globaler Ebene immer mehr ausweiten», ist Stefano Liberti überzeugt, «mit immer härteren Zusammenstössen zwischen den Vertretern der Kleinbauern und denen des Grosskapitals. Der Ausgang dieses Kampfes wird aller Wahrscheinlichkeit nach darüber entscheiden, wie der Planet aussehen wird, auf dem wir im 21. Jahrhundert leben werden.»

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