Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Gespiegelt durch die Toten

Von Michael Saager

Man ist leicht einsam in New York, und Julius hat nicht viele FreundInnen. Der in Nigeria aufgewachsene und in Brooklyn als Kunsthistoriker, Fotograf und Schriftsteller arbeitende Teju Cole hat den Protagonisten seines essayistischen Romans «Open City» als unbehausten Charakter entworfen: ein trauriger New Yorker Flaneur, der überall, wo er langgeht, bedeutungsvolle Geschichte(n) entdeckt – auf der Strasse, in Galerien, in Gesprächen mit Fremden oder Bekannten. Diesen Erzählungen eignet wenig Tröstliches; durch die klar rhythmisierte, genaue Sprache des Autors aber gewinnen sie eine leicht versöhnliche Note: Die Zukunft, scheinen sie zu sagen, die ist immerhin offen.

Häufig geht es um Macht, Gewalt, Herrschaft – es sind bewegende, oft grausame, mitunter verstörende amerikanische und afroamerikanische, nicht zuletzt afrikanische Begebenheiten und historische Ereignisse aus Ruanda, dem Kongo oder aus Nigeria, wo Julius seine Kindheit an einer Militärakademie verbrachte. Die (Über-)Lebenden, so ein Gedanke, könnten sich in ihnen als lebendige Originale erfahren und zugleich gespiegelt sehen – durch die Toten.

In Manhattan entdeckt Julius ein unauffälliges Denkmal, dessen Aufschrift davon erzählt, dass sich im 17. und 18. Jahrhundert genau an dieser Stelle ein Sklavenfriedhof befand: 20 000 Schwarze auf 25 000 Quadratmetern – zum Verschwinden gebracht durch eine riesige Ansammlung von Bürogebäuden.

Dass es in New York kein Museum gibt, das an die Sklaverei erinnert, darüber regt sich nicht Julius, sondern Cole in einem Interview auf. Doch das ist unwichtig, weil Coles und Julius’ Ansichten nicht leicht zu trennen wären. Fiktion und Realität verschwimmen beständig, und darin liegt die Stärke des Romans: Seine Struktur stiftet eine emotionale Nähe, die den historischen Ereignissen zugutekommt. Ihre faktische Nüchternheit schwindet, von ihrer nachdenklich machenden Kraft aber verlieren sie nichts.

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