Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Saufen macht Spass und entmündigt

Warum bekommen SchülerInnen aus bildungsfernen Familien schlechtere Jobs? Na klar: weil ihnen unsere Gesellschaft den Aufstieg verwehrt. Aber vielleicht sind sie auch selbst schuld.

Von Stefan Howald

Letzthin, im Pendlerzug, versammelte sich eine Horde Fünfzehn-, Sechzehnjähriger, Sekundarschüler oder Lehrlinge einer Berufsschule womöglich; jeder schleppte einen Sechserpack Bier oder Alcopops mit sich, und einem oder zweien ragte auch eine Flasche mit billigem Whisky aus der Tasche ihrer Baggyhose. «Natürlich verstehen die Jungen», meinte ein Beobachter dazu, «die symbolische Bedeutung des Trinkens selbstbewusst als einen Akt, der die Zugehörigkeit zu den Erwachsenen und die Opposition zur Schule zum Ausdruck bringt. Es bedeutet ihnen ungeheuer viel, die letzte grosse Pause ihres letzten Schuljahrs an einer Party zu verbringen und dort so viel Alkohol zu trinken wie nur irgend möglich. Dies ist der Augenblick, wo sie sich endlich von der Schule befreien, der Augenblick, an den sie sich in Zukunft erinnern wollen.»

Gegen solche Botellones hat das Parlament, in moralischer Entrüstung und politischer Aufrüstung, kürzlich Massnahmen veranlasst – illusionäre natürlich, denn wer Alkohol trinken will, findet immer einen Weg dazu.

Widerstand und Einverständnis

Nun wird im obigen Zitat ursprünglich nicht von Jungs, sondern von «lads» gesprochen, und statt an eine Party gehen sie ins Pub. Tatsächlich bezieht sich die Beobachtung auf England und das Jahr 1977. Sie stammt vom englischen Soziologen Paul Willis. Der hatte zweieinhalb Jahre lang die Subkulturen an einer Schule in den industrialisierten Midlands um Birmingham untersucht, hatte zahlreiche Interviews mit den Jugendlichen geführt, in teilnehmender Beobachtung die Gruppendynamik verfolgt und Fallstudien betrieben.

Dabei interessierte sich Willis vor allem für die «lads», die Jungs aus der Arbeiterklasse. Wie vom Elternhaus vorgegeben, orientieren sich die an manueller Arbeit als ihrem Lebensmuster, als Grundlage auch fürs alltägliche Verhalten. Daraus konstruieren sie sich eine mit Gewalt und Sexismus konnotierte Männlichkeit, die ihrerseits der klischierten Aussenwahrnehmung entspricht. Kulturell drückt sich das etwa in Konsumgütern wie Kleidern, Zigaretten und Alkohol aus. Mädchen kommen in dieser Welt nicht vor beziehungsweise nur als Objekte. Einerseits macht dieser Lebensstil Spass, ist vital, erfinderisch in der Subversion und im Widerstand; andererseits rassistisch, sexistisch, antiintellektuell.

Soziale Instanzen wie die Berufsberatung oder die Ausbildung tragen für Willis zum «Klassencharakter von Wissen» bei; zuweilen entgegen den Absichten der LehrerInnen. So werden progressive Bildungsmodelle von den Jungen ebenfalls als paternalistische Zumutung empfunden und zurückgewiesen. Für Willis bleibt allerdings eine politische Fragestellung zentral: Wenn Kinder aus bessergestellten Familien bessere Jobs kriegen, dann stelle sich die Frage, «warum andere das zulassen», und wenn Arbeiterkinder bloss Arbeiterjobs kriegen, stelle sich die Frage, «warum sie selbst es zulassen».

Dieses widerstandslose Zulassen hat gerade mit der Art des Widerstands zu tun. Die Abgrenzung von den anderen ist zugleich Selbstausgrenzung. Die Bildungsangebote werden nicht angenommen, weil sie für den überlieferten Lebensstil angeblich nicht gebraucht werden. Die als einzig wahre männliche Tätigkeit mystifizierte manuelle Arbeit lässt «atavistische Trennungen» entstehen, etwa von den Mädchen, von den Mehrbesseren, von den Strebern. Ein Resultat dieses starren Identitätsangebots zeigt sich in der nicht übersetzbaren Zweideutigkeit des englischen Originaltitels «Learning to Labour»: Die «lads» lernen zu arbeiten, aber auch, dass sie sich abmühen und abquälen werden müssen. Willis zeigt, wie die Jungen sich auflehnen, aber dies in einer Form, mit der sie sich selbst in der Unterordnung fangen. Verachtung der Schule oder Trinken sind Unterscheidungsmerkmale, sie machen Spass, verleihen einen sozialen Status in der Gruppe und halten die Jugendlichen zugleich an einem gesellschaftlich zugewiesenen Ort fest. So reproduziert sich soziale Ungleichheit nicht nur von oben, sondern auch von unten durch die Betroffenen selbst.

Cultural Studies

Paul Willis publizierte 1978 eine ähnlich angelegte Studie zu «Profane Culture», in der er «subversive Stile der Jugendkultur» anhand von Rockern und Hippies untersuchte. Diese Studien waren die ersten grossen empirisch unterlegten Arbeiten der sogenannten Cultural Studies, die in den siebziger Jahren am Centre for Contemporary Cultural Studies in Birmingham unter der Leitung des jamaikanisch-britischen Soziologen Stuart Hall entstanden. Die Cultural Studies legten das Augenmerk auf die Bedeutung «kultureller Produktion» für den Zusammenhalt der Gesellschaft, und dies in den Anfängen, bevor sie zur modischen Universitätsdisziplin wurden, scharf politisch.

Die erste Studie von Paul Willis ist jetzt in einer neuen Übersetzung wieder aufgelegt worden; mit einem Vorwort von Frigga Haug, in dem sie beschreibt, wie die deutsche Erstausgabe 1979 bahnbrechend viele Untersuchungen anregte. Noch heute bleibt das Buch in vielem erhellend und augenöffnend.

Auch für die Schweiz. Hier hat es angeblich keine so geschlossene Arbeiterklasse und eine entsprechende Arbeiterkultur wie in Britannien gegeben. Oder womöglich hat es sie doch gegeben, aber sie sind noch weniger sichtbar gewesen, als es die einheimischen ArbeiterInnen waren: die ImmigrantInnen nämlich. Devianz, sozial abweichendes Verhalten, wird heute wiederum oft mit der ausländischen Unterschicht, vor allem aus Exjugoslawien, in Verbindung gebracht. Radikal verändert hat sich dabei die Stellung der Mädchen, was allerdings neue Bruchlinien geschaffen hat. Die Jungs aber wehren angesichts schlechterer sozialer Ausgangsbedingungen das Bildungsangebot weiterhin oft verächtlich ab. Die schlechteren schulischen Leistungen führen zu schlechteren Jobs. Botellones machen Spass, doch sie können nicht ewig dauern.

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