Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Mythos, Utopien – und eine gewisse Anarchie

Eine touristisch-kulturelle Initiative versucht, den Mythos des Utopischen auf dem Monte Verità in Ascona wiederzubeleben. Eine kritische Auseinandersetzung mit der auch zwiespältigen Kulturgeschichte des Monte Verità hingegen fand an den ersten Veranstaltungen kaum statt.

Von Adrian Riklin

Das 1928 erbaute Hotel Monte Verità hat eine ebenso ambivalente Geschichte wie der Berg.

«Utopie e magnifiche ossessioni» klingt noch unverfänglich. Dann aber: «Herrliche Obsessionen». Ob in dieser patriarchalen Übersetzung des Titels zu den ersten «Eventi letterari Monte Verità» der Hauch von einem Geist weht, aus dem auf dem Monte Verità in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts Utopien erprobt wurden?

Als Dekoration auf seehimmelblauem Plakat: nackte Tänzerinnen; und als Zugpferde, die dazu verführen sollten, den steilen Pfad auf den Hügel unter die Füsse zu nehmen, Koryphäen aus der europäischen Manege: Peter Sloterdijk und Hans Magnus Enzensberger – Stimmen, die unüberhörbar im deutschsprachigen Raum widerhallen. Enzensberger, einst Lichtgestalt der Studentenbewegung (der auf dem Hügel als «Meister» vorgestellt wurde), Sloterdijk, einstiger Ankläger der zynischen Vernunft. Solche und weitere GeistesveteranInnen aus dem 20. Jahrhundert also sollen dem «Magnetismus» des Hügels neuen Schwung verleihen.

Der Mythos

Tage später, längst sind alle Veteranen und Rollkoffer verschwunden, sitzt man da und schaut in den Lago Maggiore. Da versuchte man den Mythos zu dekonstruieren – und ist längst schon im Mythos gefangen. Derart mächtig scheint das Imaginäre vom Hügel, der bis 1900 Monescia hiess und erst seither durch einen Einfall der Pianistin Ida Hofmann und des Fabrikantensohns Henri Oedenkoven «Monte Verità» genannt wird – längst auch auf den Karten der Landestopografie.

Am Anfang des Mythos stand also Oedenkovens Kauf des Hügels. Und, zusammen mit seiner Partnerin Ida Hofmann, die Gründung eines vegetarischen Sanatoriums. Von da an war der Monte Verità auch eine touristische Angelegenheit: Der lebensreformerische Naturgedanke war mitverantwortlich für die massive Überbauung – und damit auch für die Naturverschandelung.

Bald nämlich wurde er Anziehungspunkt nicht nur für vegetarisch und freikörperlich Reformwillige. Ebenso etablierte er sich innert kurzem zur Experimentierbühne für neue Formen des Lebens und Zusammenlebens: sozialrefomerische, theosophische, ausdruckstänzerische – bis hin zur anarchistischen Landkommune. Auffallend war die gegenseitige Durchdringung von Selbstverwirklichung und Sozialreform. Ein weiteres Hauptanliegen neben dem Vegetarismus waren Frauenemanzipation und die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Nun aber, ein gutes Jahrhundert später: «Herrliche Obsessionen» und dazugehörige Männerfantasien. Gewiss, es waren auch Frauen zu hören – Patricia Cavalli mit wunderbar unherrlichen Gedichten; die Literaturkritikerinnen Gunhild Kübler, Ursula März, Verena Auffermann und Elke Schmitter – vor allem in moderatorischen Rollen. Das war es dann auch schon mit der Fraulichkeit. Wobei gerade die Literaturkritikerinnen, auch mit ihrem Gemeinschaftswerk «99 Leidenschaften», einem Streifzug durch die weibliche Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, dem allzu Herrlichen zuweilen Einhalt boten.

Die Schatten aber, die die «Herrlichen Obsessionen» vom Hügel geworfen haben, kamen kaum zur Sprache. Als Einstieg dazu hätte das Buch «Monte Verità. Sanatorium der Sehnsucht» (2003) des Historikers Andreas Schwab dienen können, eine der seltenen Publikationen, die sich nicht in die Sakralisierung des Hügels einreiht, sondern auch die Rezeptions- und die Sozialgeschichte beleuchtet – inklusive der legendären Ausstellung «Monte Verità: Le mammelle della verità» (Die Brüste der Wahrheit), mit der der Schweizer Kurator Harald Szeemann im Sommer 1978 daselbst und dann in Zürich, Berlin, Wien und München den Nimbus definitiv ins Mythische katapultierte.

Die Utopie

Szeemann sah die «einmalige Abfolge von Utopien» auf dem Monte Verità im Bild der Göttin Artemis verkörpert, deren vier Brüste bei ihm für vier «gelebte Utopien als Antworten auf die damaligen Zeitprobleme» standen: Anarchie; Lebensreform; Psyche – sexuelle Revolution und Mythenforschung; und die Künste. Exakt dieses Vokabular, inklusive «Obsession», verwendet auch die aktuelle Reanimation – samt Szeemanns gewagter geophysikalischer Rückführung des Monte Verità auf archaische Ursprünge. Wozu auch sein Begriff «Reformkulturlandschaft» gehört, mit dem er den Hügel zum geistigen Kraftzentrum eines europaweit einmaligen «Mikroparadieses» krönte.

Ist es daher erstaunlich, dass im Rahmen aktueller Utopiefeierlichkeiten kaum je der Philosoph Ernst Bloch erwähnt wurde: Bloch, der 1917 in Locarno seinen Erstling «Geist der Utopie», vollendete? Und auch die Grundsatzfrage kaum hörbar wurde, inwieweit Utopien den Weg für totalitäre Regime bereiten können (selbst wenn sie keine solchen Absichten hegen)?

Wo sich doch gerade an der Reformbewegung verfolgen liesse, in welch unterschiedliche Richtungen eine Utopie vom «neuen Menschen» führen kann: in progressive – wie auch in reaktionäre Bewegungen (die ab 1933 in der «Deutschen Lebensreform-Bewegung» gleichgeschaltet wurden). Dieser Zwiespalt liegt schon in der Wurzel der Lebensreform: Als Versuch, die Menschen von den schädlichen Einflüssen der Industrialisierung zu erlösen, eigneten sich gerade auch Vegetarismus und Freikörperkultur ebenso für eine nonkonforme Befreiungs- wie für eine «rassische» Körperpolitik. Und auch die Theosophie lieferte mit ihrer «Wurzelrassenlehre» überaus kompatible Vorlagen.

Gut also, dass dieser Tage auch ein paar Zeitgenossen die Utopie auf ein humanes Mass herunterholten: Der italienische Schriftsteller Claudio Magris sprach über die befreiende Wirkung des Kollapses von Utopien; und der Philosoph Salvatore Veca setzte dem «Scheitern der utopischen Kathedralen» die Notwendigkeit von Alternativen entgegen – und liess dabei aufscheinen, dass der Begriff «Anarchie» der Knackpunkt sein könnte. Er nahm Bezug auf die Schrift «Anarchie, Staat und Utopia» (1974), in der der amerikanische Philosoph Robert Nozick einen radikalliberalisierten Minimalstaat skizzierte. Veca zeigte, wie sich Nozicks rechtsanarchistische These, wonach die Beschränktheit menschlicher Erfindungsgabe bezüglich politischer Utopien zwingend zu «falschen Notwendigkeiten» führe, ihren Weg in die politischen Zentralen bahnte – bis zu Margaret Thatchers Slogan «There is no alternative».

Die Anarchie

Das rechtslibertäre Anarchieverständis versprühte seine Duftnoten auch auf dem Festival – in der omnipräsenten Zeitschrift «Schweizer Monat» und ihrem «Literarischen Monat». Auf mehreren Podien war der Klugdenker Rolf Dobelli hyperaktiv. Und Michael Wiederstein vom «Literarischen Monat» moderierte ein Gespräch mit den Schriftstellern Christian Kracht und Eckhart Nickel, das damit angekündigt wurde, dass die beiden ihre «Kathmandu Library» in die Libreria della Rondine in Ascona transferieren und den Laden gleich auch noch übernehmen wollten – was sich alsbald als eher utopisch herausstellte. Überhaupt kann die Nonchalance, mit der Kracht und Entourage durch die Tage segelten, als weiteres Merkmal des Monte Verità gelesen werden: die Gleichzeitigkeit unterschiedlich motivierter Fluchten – nicht gerade antifaschistisch gesinnte Geistesdandys auf der einen Seite, politisch Verfolgte andererseits.

Tatsächlich spielte Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts auch der linke Anarchismus eine Rolle auf dem Monte Verità. Damals suchten viele linke EmigrantInnen in der Umgebung von Locarno Zuflucht. Schöne Ironie zu den «herrlichen Obsessionen» der Gegenwart: Die Stiftung Monte Verità beginnt ihre «Chronologische Geschichte» so: «1869–1974: Der russische Anarchist Michail Bakunin lässt sich in Locarno nieder. Seine Utopie ist die herrschaftslose Gesellschaft, die grösste aller Utopien.» Zwar waren damals weder der Arzt Raphael Friedeberg noch der Schriftsteller Erich Mühsam oder der Psychoanalytiker Otto Gross am Monte Verità beteiligt. Wohl aber die Brüder Karl und Gusto Gräser mit ihrer kommunistischen Landkommune.

Im Nachhinein verwundert es nicht, dass es bereits nach wenigen Monaten zum wegweisenden Richtungsstreit kam – mit dem Resultat, dass sich der reiche Oedenkoven durchsetzte und Gräsers den Hügel verlassen mussten. Der Streit nimmt eine Tragik des Jahrhunderts vorweg: Nur mit der Zerstörung der Kultur durch die real gewordene faschistische «Utopie» ist es erklärbar, dass die kommunitären Ideen eines Gusto Gräser erst wieder in den alternativen Bewegungen der siebziger Jahre verstärkt aufgenommen wurden.

Andreas Schwab sieht in diesem Streit den «Lackmustest für die utopische Zukunftsfähigkeit» des Hügels. Und Erich Mühsam notierte in der Broschüre «Ascona» (1905): «Kommunistische Siedlungen, die nicht auf der Basis einer revolutionär-sozialistischen Tendenz erwachsen sind, werden stets Fiasko machen müssen, zumal wenn das Band, das die Teilnehmer seelisch aneinander bindet, ein so belangloses ist wie das Prinzip des Vegetabilismus.»

Die Permanenz

Utopien also – wofür, mit wem, um welchen Preis? Der Titel zur Schlussrunde des Festivals aber lautete nicht «Warum Utopien scheitern müssen» – sondern «Warum scheitern Utopien?». Wozu Peter Sloterdijk, ausgehend vom Ausspruch «Nach uns die Sintflut» (1754) der Marquise de Pompadour die These entwickelte, dass erst seit diesem Spruch (quasi als Testament des französischen Adels und vorzeitige Anmeldung der Französischen Revolution) die Gegenwart nicht mehr primär Krönung der Vergangenheit, sondern ein Anfang von Zukunft sei – und also die Geschichte seit 1789 eine permanente Sintflut, die im 20. Jahrhundert von der «permanenten Revolution» (Leo Trotzki) über «permanente Konversion» (Jean-Paul Sartre) und «permanente Mobilisation» (Mao Zedong) bis zur «permanenten Innovation» neoliberaler Prägung ausuferte.

In dieser Haltungslosigkeit sieht Sloterdijk den Grund für den florierenden «Utopie- und Vereinfachungshandel». Wogegen Enzensberger betonte, dass Utopien allein deshalb scheiterten, «weil sie zu gross sind». Das Schöne am Monte Verità sei gerade, dass hier eher «harmlose Utopien» erprobt worden seien, «kein Blut und fast kein Wein geflossen», aber doch auch Wunderbares wie der Ausdruckstanz entstanden sei.

So einfach ist es aber nicht: Ohne die Gelder des Bankiers Eduard von der Heydt hätte das Sanatorium in den dreissiger und den vierziger Jahren kaum weitergeführt werden können. Von der Heydt, von 1933 bis 1939 NSDAP-Mitglied und nachher nazifreundlicher Eidgenosse, kaufte 1926 den Monte Verità und liess von Emil Fahrenkamp das heutige Hotel im Bauhausstil erbauen – jenem Architekten, der in den späten dreissiger Jahren die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei entwarf und im Auftrag von Joseph Goebbels das Schloss Rheydt zum Gästehaus ausbaute. In Baron Eduard von der Heydt erreichte die Zwiespältigkeit des Monte Verità ihren Höhepunkt: Zur selben Zeit, da er jüdische Flüchtlinge in der Schweiz unterstützte, wickelte er Bankgeschäfte für die deutsche Wehrmacht ab. Bis zu seinem Tod 1964 lebte der Mäzen in Ascona – den Monte Verità vermachte er dem Kanton.

Vielleicht, schreibt Andreas Schwab in seinem Buch, ist der Monte Verità vor allem eine Chiffre für eine «Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem Utopia, also Nicht-Ort».

Angesichts der realen Geschehen auf dem Monte Verità und ihrer Wirkungsgeschichten drängt sich aber auch die Vermutung auf, dass es jeweils nicht nur die «bösen Utopien» sind, welche «gute» oder «schöne» Utopien» im Nachhinein für sich vereinnahmen. Sondern dass sich das, was sich später als eine schlechte Utopie herausstellt, zuweilen auch schon in «harmlos» erscheinenden Utopien versteckt halten kann.

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